Belziger Pitaval

 

Zauber- und Hexenprozesse

Amt Belzig

1. April – Juni 1573

2. Die Bunissin, eine alte Frau

3. Lorentz Osterreicher, ein in Haft verstorbener Verbrecher

4. Amt Belzig/ Prozess leitet Schösser Davidt Bock

5. Zauberei, Diebstahl/ Urteil Fakultät Wittenberg 27.4.: Verhaftung, Verhör mit Protokoll; Endurteil Fakultät Wittenberg 2.6.1573: keine Folter, aber wegen Segensprechen Landesverweisung.

6. Juristenfakultät Wittenberg (Zwischen- und Endurteil)

7. UA Halle, Rep. 1 Nr. 4668

 

1. Febr. – März 1598

2. Niete Heserig, eine Frau

3. N.N.

4. Stadtgericht Belzig/ Prozess leitet Amtsschösser Abraham Hiltebrandt

5. Zauberei/ Verfahrensverlauf unbekannt/ nach Geständnis des Schadenszaubers an Menschen Selbstmord in haft etwa am 15.2.; Endurteil Fakultät Wittenberg 1.3.: Scharfrichter soll den Leichnam beim Gericht begraben.

6. Juristenfakultät Wittenberg (Endurteil)

7. UA Halle, Rep. 1 Nr. 4696

 

1. Juli 1601

2. Catharina Schultze, aus Niemegk

3. NN.N.

4. Amt Belzig/ Prozess leitet Amtsschösser Abraham Hiltebrandt

5. Zauberei/ Verfahrensverlauf unbekannt/ Endurteil Fakultät Wittenberg 21.7.1601: wegen fehlender Indizien des Schadenszaubers keine Folter, sonder Freilassung. Zuvor soll sie aber zur Abschreckung Sonntags vor dem Rathaus in den Pranger gestellt werden und 4 Wochen in das Gefängnis

6. Juristenfakultät Wittenberg (Endurteil)

7. UA Halle, Rep. 1 Nr. 4716

 

1. Aug. – Sept. 1642

2. Eva geb. Bergkholtz, Frau des Totengräbers Zacharias Kemnitz in Niemegk

3. N.N.

4. Amt Belzig, Prozess leitet Amtsschösser Nicolaus Fügmann

5. Segensprechen und Missbrauch des göttlichen Wortes/ Endurteil Schöffenstuhl Wittenberg 9.9.1642: Einstellung des Inquisitationsprozesses, Belehrung und dann Freilassung

6.Schöffenstuhl  Wittenberg (Endurteil)

7. UA Halle, Rep. 1 Nr. 4855

 

1. März – Juni 1665

2. Hedwig Rösemann

3. David Schmidt, Peter Altkirchen, Andreas Heinrich, Peter Thiele

4. Amt Belzig/ Prozess leitet Amtsschösser Nicolaus Fügmann

5. Zauberei, Hexerei/ haft: Zwischenurteil Fakultät Wittenberg 31.3.: wenn kein Geständnis, dann Folter, Geständnis erfolgt: Endurteil Fak. Wittenberg 2.5.: Feuertod: nochmals von dort erneuert 6.6.1665

6. Juristenfakultät Wittenberg (ein Zwischen- und zwei Endurteile)

7. UA Halle, Rep. 1 Nr. 4863

 

2011 wurde Hedwig Rösemann durch die Stadt Belzig rehabilitiert.

 

1667

Jetzt geschah es auch, leider zu Beltzig, 3 Meilen von Wittenberg, daß der Cantor daselbst sich erstlich das männliche Glied abgeschnitten, und hernach erhencket hat; wozu aber seine Frau kommen, und wieder los geschnitten: darauf war er flugs in seine Stube gelaufen, hat sein Feder-Messer erwischet, und flugs damit die Gurgel abgeschnitten, er ist dennoch begnadet aufn Gottes-Acker ehrlich begraben worden.

In: Johannes Praetorius: M.DC.LXVII. Zodiacus Mercurialis Das ist: Eine Fortsetzung Der Europäischen Welt-Chronick, So in einem wohlverfasseten kurtzem Begriffe, alle merckwürdigste Begebenheiten vorbildet: welche sich im verschienenen und zurückgelegten 1667sten Jahre, durch alle und einzälige Reiche deß Erdbodens zugetragen haben : Mit Nothdürfftigen Schönen Kupffern, deutlichen Marginalien gezieret. 1668

 

Tobias Gewend,  hat sich Anno 1667 aus Melancholey mit einem Scheermesser selbst die Gurgel abgeschnitten. (Eilers Chronik)

Im Belziger Kirchenbuch ist dazu nichts vermerkt.

 

1674

Aufstellung des Galgens in Belzig

" Es passierte im Jahre 1674, als in Jüterbog ein neuer Galgen errichtet werden sollte, und es stritten sich der Bürgermeister und der Stadtrichter, wer denn nun die Amtsperson sei, die den ersten Axthieb am Holze tun müßte. Man konnte sich partou nicht einig werden, und jeder schob dem ändern den Vorrang zu, denn keiner wollte, daß an ihm, dem Aberglauben nach, etwas von dem Geruch des Galgens kleben bleibt. Einer fand die Lösung, denn er hatte den Einfall, beim Rat  in Belzig nachzufragen, wie es dort vonstatten ging, als sie vor etwa 10 Jahren einen neuen Galgen errichtet hätten. Der Belziger Rat erteilte Auskunft, und der Vorgang spielte sich wie folgt ab: Die Belziger hatten damals mit einem Pferdegespann drei starke Eichen von Bergholz an die Galgenstätte bringen lassen, und bei diesem Transport gab es ein Malheur. Die Eichen sollen so stark gewesen sein, daß die hölzernen Achsen des Wagens unter der schweren Last zerbrachen. Ein anderer Wagen mußte her, es wurde umgeladen, und als das Holz dann endlich an Ort und Stelle gebracht war, konnte zur weiteren Verarbeitung der Eichen endlich die Axt angesetzt werden. Darauf hat der regierende Rat nebst dem Richter und Schoppen dahin sich verfügt, woselbst auch die sämtlichen Zimmerleute aufgefordert, und hat als Richter von dem Altmeister die Axt begehret, welche sie auch gegen Erlegung von 13 Groschen ihm hingegeben, und hat er damit den ersten Hau am Galgenholz getan. Hernach hat der regierende Bürgermeister von demselben die Axt genommen und hat auch einen Hau getan, welchem die Schöppen, die regierenden Ratsmitglieder und der Stadtschreiber nachgefolget, worauf die Axt dem Altmeister wieder zugestellt mit dem Befehl, den Galgen vollends zu verfertigen. Den Zimmerleuten sind zwei Faß Bier gegeben worden und ein Taler zur Mahlzeit."

 

1689

Am 27.Mai 1689 ist Meister Nicolay Kreub, ein Zimmermann, allhier wohnend mit seiner Witwe und seinem Lehrjungen, welche mit einem Dieb gehandelt und dessen Diebesgut gekauft haben, vom Amtsrichter verurteilt worden. Sie erhielten jeder den Staupenschlag.

Am 3. Juli 1689 ist Dorothea Heesen, Hans Heesen eines Bauern Tochter aus Neschholz, welche von einem Ehemann geschwängert wurde, und ihr Kind umgebrachte, gesäcket worden, Gott behüte alle lieben Christen für solche Tat und Gedanken.

 

1691

Anno 1691 ist ein junger Kerl von Roytzsch, Nahmens Caßpar Rießler umb seinen vilfeltigen Diebstahl aufgehenkt worden. Gott behuete alle fromen Christen für solche That und gedanken. Der Cörper wieder abgenommen und zur Anatomie nach Wittenb. Abgefolget worden.

 

Doctrinam hanc mirifice illustrabit transacio inter senatum civitatis Belzigiae & praefectum Belzigiensem inita, atque ab Electore Saxone confirmata. Erat nempe olim senatus hic omnis jurisdictionis expers ac faltem curam rerum politicarum, quas vocant, gerebat, sed de finibus earum regundis faepiffime cum praefecto disputabat, cujus litis compositionem sic narrat Eilers in Chronico Beltizensi cap.3. §.2. pag. 142. sqq. Vorhero hat der Rath zu Beltzig nur das Policey Wesen respiciret, wie Niemegk und Brück; Als nun deshalb anno 1691 sich Differentien ereignet, sind solche durch hohe angeordnete Commission folgendergestalt entschieden, daß 1. die Ambts-Auflagen an den Rath zu Beltzigk, wie bißhero, also auch noch ferner, nicht durch den Amts- Richter, sondern immediate vom Amte an sie den Rath ergehen, 2. Der Rath die Gehurths-Brieffe und Kundschafften ihrer Bürger und Schutz-Verwandten inn- und ausserhalb der Stadt, jedoch nur so weit ihr Weichbild gehet, verfertigen, 3. Die Kauffe, Tausche und andere Contracte über der Bürger Häuser, Gärthen, Wiesen, und Felder, so zur Stadt - Fluhren gehören, haben, hingegen 4. Die Bürgere, oder andere, so außer diesen unter dem Amte etwas kauffen, tauschen, pachten, verpachten, oder sonst erhandeln wolten, solches bey dem Amte thun, 5. Die Subhastationes und Adjudicationes der Bürgerlichen Giither, wie auch 6. Die Verschreibungen und Erbtheilungen, woferne sie nicht zum Process gediehen, auf welchem Fall sie vors Amt gehören, dem Rathe verbleiben, wie nicht weniger 7. Die Testamente und Donationen als actus voluntariae jurisdictionis von ihnen dem Rathe, gleichwie beym Amte, auf und angenommen, jedoch auf ersten Fall dem Amte zur Confirmation vorgetragen werden, derselbe aber 8. Die Gütliche Verhör und Weisung in Innungs-Sachen dem Rathe, so lange sie nicht zum Process gediehen, gelaßen werden, derselbe aber 9. Die Aufrichtung der Innungen und deren Articul sich nicht anmaßen, jedoch 10. Die Policey Sachen, als Besichtigungen der Feuer-Stellen und Schornsteine, Gewichts und Masses, Fleisch Schätzen, Brodt-Wägens, ingleichen die Verbittung der Feyer - und Sonntags Arbeit behalten, sich auch 11. in dergleichen Fällen des Bürgerlichen Zwangs und Bestraffung der Ungehorsamen zum allerhöchsten biß auf ein Neu Schock , jedoch derer Verbrechere Wehlung zum Gefängniß oder Geld-Buße vorbehältlich, sich auch gebrauchen, 12. Die Besichtigungen, im Fall sie von ihnen dem Ratht, und nicht vom Amte, (immassen dann denen Bürgern dergleichen von beyden zu suchen frey stehet) verlanget werden, wie auch 13. Die Taxationen der vorhandenen wüsten ungebaueten Stellen, (gestalt die andern Taxationen dem Amte zustehen) zu verrichten und sie in Güte zu vergleichen, Macht haben, gleichwohl aber 14. Disfalls keinen Bescheid ertheilen, sondern bey Entstehung der Güte die Partheyen aufs Amt zu verweisen, und und 15. Die Einquartierung verrichten, auch die zwischen denen Ein- und Bequartierten entstehende Beschwehrungen annehmen und abthun: Dem Amte aber 16. Die Bestraffung des unzeitigen Bier- und Brandtewein- Schanks, ingleichen 17. Die Pfändungen und Vollstreckung derer Executionen, Immisions - und anderer Hülffs - Actuum, sowohl 18. Die Rügen über real- und Verbal-Injuriem zukommen, als auch 19. die Gerade, Heergeräthe und andere Erbschafften- deficientibus heredibus alleine anheim fallen sollen.

In: Augustinvon Leyser: Augustini a Leyser Meditationes ad Pandectas: quibus praecipua iuris capita ex antiquitate explicantur atque variis celebrium collegiorum responsis et rebus iudicatis illustrantur, Band 10 173

 

1698

Am 22. July des 1698 Jahres ist ein Hirte zu Rottstock Nahmens Peter Lahne, welche Ehebruch und Mordtath begangen, und mit einem Weibsstück lange zugehalten, endtl. da sie schwanger geworden, die selbige umbgebracht, und alhier vor Beltzigk in der See versenket, da es nun aufgekommen, ist er erstl. mit derm Schwerd Justificiret, und der Cörper aufs Rad geleget worden.

 

April - Dezember 1716

Christoph Kuhl, ein alter Inwohner zu Mietzdorf, welchen die Gemeinde daselbst weilen er mit Feuer gedrohet, nicht ferner leiden wollen, sich auch sonst trotzig erzeiget, aus dem Amte Beltzig überliefert.

Beschreibung des Chur-Sächsischen Allgemeinen Zucht-, Waysen- und Armen-Hauses, welches Se. Königl. Maj. ... in dem zwischen Dresden und Leipzig gelegenen und unter das Amt Rochlitz gehörigen Städtgen Waldheim anno 1716 allergnädigst aufrichten lassen ..., Band 1 1721

 

1727

Ist ohnlängst ein Landes-Bettler, welcher auf einen falschen Brand, Brief Allmosen gesammlet, in dem Churfürstl. Amte Beltzig mit Staupen-Schlägen des Landes ewig verwiesen worden, und wollet nunmehro ihr zu Erstattung der dißfalls aufgewandten Unkosten anschalten werden. Ob nun wohl sonst, wenn ein Delinquent an Leibe oder Leben gestraffet wird, oder auch derselbe Unvermögms halber die Unkosten nicht entrichten kan, solche Amts- und Gerichtswegen übertragen werden müssen, und von denen Unterthanen oder Amtsassen nicht gefordert werden können, ihr auch anführet, das besagter Bettler das falsum nicht allein bey euch, sondern auch andrer Orten verübet. D. a. d. ihr nicht in Abrede, daß in denen Fällen, so sich eures Ortes begeben, ihr dergleichen Unkosten zu tragen verbunden, und euch dißfalls, daß das delictum  anderswo entweder angefangen, oder continuiret nicht zu statten kommen mag, n. m. etc. So könnet ihr euch, gestalten Sachen nach, dieser, jedoch nur auf den falschen Bettler selbst, und nicht dessen Eheweib gewandten Unkosten euch nicht Bestände nicht entbrechen.

In: Georg Beyer: Delineatio juris criminalis secundum constitutionem Carolinam, cum legibus variarum provinciarum collati. 1727

 

1740

Eod. Anno Wurde der Kirchen- Räuber, Johann Christoph Kühnzack, ein Zimmermann hierselbst, welcher die Kirche zu Lütte gewaltsamer Weise erbrochen, und 175. Thl. an Gelde, samt dem Kirchen-Ornat daraus entwendet, zum Rade verurtheilet, welche Straffe d. 7. Octobr. aufm. Marckte an ihm vollzogen wurde. Die Kirche aber hat die geraubten Sachen biß auf 10 Rthl. wieder bekommen.

 

1777

10 Rthlr an Johann Franz Anton Lisch, Beiknecht bei der Landknechtei des Amts Belzig, wegen Rettung des im Gefängnis sich selbst erhängten, von ihm losgeschnittenen, und vom Tode geretteten Johann Daniel Kurzens.

Aus: Verzeichnis der Gratifikationen, welche wegen geretteter verunglückter Personen, nach dem 26.09.1773 in Land ergangenen gnädigsten Mandate vom Monat März 1776 bis Dezember 1776 an die daran teilnehmende, und hierzu genugsam legitimierte Personen, aus der Churfürstlichen Prämienkasse. (Wittenbergisches Wochenblatt 14.03.1777)

 

1804

Dresdner Anzeigen 19.03.1804

Am 4. März sind ohnweit Belzig zwey Körper, nämlich Johann Benjamin Fröschkens Ehefrau, welche am 28. Februar Geschäfte halber in das etwas über eine Stunde von Belzig gelegene Dorf Baitz gegangen war, und ein Schneider mit Namen Franz, der am 2ten dieses Monats ebenfalls auf einem Dorfe ohnweit zu Belzig zu verrichten gehabt, im Schnee völlig erstarrt und todt gefunden worden, Man brachte sie sogleich nach Belzig in ihre Wohnungen, und wendete zu ihrer Wiederbelebung alle nur möglichen Mittel an, bey beyden Personen aber war kein Zeichen des Lebens mehr zu finden.

 

1829

Ich bin gesonnen, meine hier vor der Stadt Belzig in dem Herzogthum Sachsen, zwischen Wittenberg und Brandenburg gelegene Scharfrichterei mit Gerechtsamen, eine eingerichtet Lohgerberei nebst 8 Lohstampfen, welche von einem Pferde in Gang gesetzt werden, ein erst vor einigen Jahren  neu erbautes, massives Wohnhaus mit Scheunen und Ställen, einem Gemüsegarten, eine Wiese, worauf drei Fuder Heu und 3 Fuder Grummet gewonnen werden, beide bei dem Hause, vier Morgen Wiesen hinter Fredersdorf, zwei Stunden von hier, zwei Wörther, ebenfalls vor dem Hause gelegene, eine Hufe Acker auf der Mark Schönefeld, eine halbe Hufe auf der Mark Papendorf, von überhaupt 64 Scheffeln Berliner Maaß Aussaat – aus freier Hand zu verkaufen, wozu ich den 17ten März 1829, Vormittags um 10 Uhr, in meiner Behausung bestimmt habe, und lade ich besitz- und zahlungsfähige Kauflustige ergebenst ein, daß bei einem annehmlichen Gebot der Verkauf sofort gerichtlich abgeschlossen werden soll. Die Verkaufsbedingungen werde ich auf Verlangen zu jeder Zeit mitteilen, und bemerke ich hier nur, daß die Hälfte des Kaufgeldes zu 5 Prozent zur ersten Hypothek auf den Grundstücken stehen bleiben kann.

Belzig, den 30. Januar 1829. Der Scharfrichter Christian Heinrich Schlegel

 

1838

Der wegen Pferdediebstahls mit 12-jähriger Zuchthausarbeit bestrafte, erst am 13. August d. J. aus der Strafanstalt zu Brandenburg entlassene, und unter polizeiliche Aufsicht gestellte Dienstknecht Christoph Bettge zu Sandberg hat sich von dort vor 14 Tagen bereits wieder entfernt, ohne hiervon, so wie von dem Zwecke seiner Entfernung die ihn beaufsichtigende Ortsbehörde daselbst in Kenntnis zu setzen.

Es wird ersucht, auf dieses Subjekt, welches man mit Rücksicht auf einen beachtungswerten Umstand des unterm 28. v. M. bekannt gemachten Pferdediebstahls zu Lütte beschuldigt, vigiliren, dasselbe im Betretungsfalle festnehmen, und uns davon benachrichtigen zu wollen.

Belzig, den 1. Oktober 1838.

Königl. Rentamt.

Signalement.

Name: Christoph Bettge, Stand: Dienstknecht, Geburts- und Wohnort: Sandberg bei Belzig, Religion: evangelisch, Alter: 44 Jahre, Größe: 5 ½ Zoll, Haare: braun, Stirn: flach, Augenbrauen: grau, Augen: grau, Nase: lang, gedrückt, Mund: breit, Zähne: unvollständig, Bart: schwarz, Kinn und Gesicht: länglich, Gesichtsfarbe, blass, Statur: schlank.

Amtsblatt der Regierung in Potsdam 1838

 

1839

25. Juni 1839  Wilhelm August Breithaupt, Sohn des verstorbenen Uhrmachers Breithaupt aus Varell bei Oldenburg, 27. Jahre. Gestorben an den Folgen einer Schussverletzung eines noch unbekannten Täters.  KB Belzig

 

Am 24. d. M., Abends gegen 10 Uhr, kamen der Färbergeselle Aug. Breithaupt und der Tuchmachergeselle Görisch auf einem Spaziergange auf dem vor der Stollenberger Schäferei nach dem Wiesenburger Tore außerhalb der Stadt sich hinziehenden Wege an dem sogenannten Rohrteiche vorbei. Ein Rasseln im Rohre erregte die Aufmerksamkeit des Breithaupt. Er warf mehrere Steine nach dem Orte, wo er im Rohre Bewegungen wahrgenommen hatte. Auf den letzten Wurfe sprang aus dem Rohre ein Mensch hervor, schoß auf eine Entfernung von 4 bis 5 Schritt ein Gewehr, das er bei sich führte, auf den Breithaupt ab und ergriff dann in der Richtung nach der Stollenberger Schäferei  zu eiligst die Flucht. Der Schuß hat den Breithaupt in den Unterleib getroffen. An den Folgen desselben ist er am folgenden Tage gestorben. Weder er, noch sein Begleiter, haben irgendeine nähere Beschreibung des Täters zu geben vermocht. Wir ersuchen Jeden, der irgendeinen Umstand anzugeben vermöchte, welcher zur Ermittlung des Täters dieses schweren Verbrechens führen könnte, uns oder der nächsten Polizeibehörde sofortige Anzeige zur weitern Veranlassung zu machen. Kosten erwachsen dadurch Niemand. Belzig, den 26. Juni 1839.

 

1843- 1844

Am 6. v. M., des Morgens 4 Uhr, ist der Förster Evert aus Waitzgrund auf der Feldmark Egelinde, hart an der Grenze von Groß - Briesen, erschossen. Ohne Zweifel ist der Mörder ein Wilddieb, der in Begleitung eines Andern kurz vor und nahe dem Orte der Tat in den Fahren der Ackerstücke auf und abgegangen ist, um Wild zu suchen.

Von den Fußtapfen dieser beiden Menschen lässt sich schließen, daß der eine einen sehr großen und breiten, doch sonst nicht ungeschickten, der andere aber einen sehr kleinen Fuß, wie er bei ausgewachsenen Männern selten vorkommt, gehabt hat. Der große Mensch hat Schuhe oder Stiefel mit ziemlich tiefem Absätze, der in der Erbe scharf ausgegrenzt war, von dem man aber eben so wenig, wie bei der Sohle, Eindrücke von Nägeln oder Eisen bemerken konnte, der kleine aber eine Fußbekleidung getragen, deren Sohle wie bei Schlaffschuhen ohne Absatz und als eine ununterbrochene Fläche sich zeigte.

Es läßt sich erwarten, daß, obgleich es Sonntag war, irgend Jemand den Mörder und seinen Begleiter kurz vor, oder bei, oder nach der Tat aus der Flucht bemerkt hat, da sie auf offenem Felde und bei hellem Morgen geschehen ist, es möchte aber auch sonst dem einen oder dem andern möglich sein, Tatsachen anzuzeigen, welche zur Ermittelung des Mörders führen, oder doch beitragen. Diese Ermittelung ist um so lebhafter zu wünschen, als allem Anschein nach der Mörder wahrhaft meuchlings den Mord vollbracht hat, und deshalb haben die Rittergutsbesitzer des Kreises demjenigen eine Belohnung von 275 Thlrn. zugesichert, der zur Entdeckung des Mörders durch Mitteilungen an uns oder seine Ortsbehörde so beiträgt, daß dadurch eine Grundlage gewonnen wirb, welche zur Bestrafung desselben führt. Es wirb aber auch jede andere erhebliche Anzeige, wenn es demnächst und zur Bestrafung des Mörders kommt, verhältnismäßig belohnt werden.

Wir fordern also zu solchen Mitteilungen hiermit auf; wir richten aber diese Aufforderung besonders an den Begleiter des Mörders, und eröffnen ihm zugleich, daß, wenn er fiel von der Teilnahme an dem Morde ist, wie dies den Anschein hat, eine getreue Anzeige höchst wahrscheinlich die etwa durch den Versuch des Wilddiebstahls verwirkte Strafe von ihm abwenden, ein Unterlassen dieser Anzeige aber schwere Folgen für ihn haben möchte.

Endlich sichern wir demjenigen, der Verschweigung seines Namens bedingt, solche in dem gesetzlich zulässigen Umfange hiermit ausdrücklich zu.

Belzig, den 18. September 1843. von Oppensches Patrimonialgericht über Egelinde.

 

Königl. Preuß. Land- und Stadtgericht

Unter Hinweisung unserer Bekanntmachung vom 18. September v. J., betreffend den an dem Förster Evert im Waitzgrund verübten Mord, wiederholen wir darin enthaltende Aufforderung und Zusicherung mit dem Bemerken, daß die Belohnung für die Entdeckung des Täters inzwischen auf 325 Thlr. erhöht ist.

Belzig, den 26. Februar 1844.

von Oppensches Patrimonialgericht über Egelinde

 

1845

Da folgende Personen angeblich gänzlich verschollen :

1) …..

2) der Sohn eines zu Belzig verstorbenen Visitators Ronniger oder Roninger, Vornamens Johann Christoph, aus Ostrand bei Mühlberg in Sachsen gebürtig, der im Jahre 1816 angeblich 19 Jahr alt gewesen, in diesem Jahre wegen Diebstahls bestraft und demnächst mit Zurücklassung eines später auf ihn verfallenen Erbtheil’s von circa 12 Thlr. angeblich verschollen.

In: Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1845

 

1846

30. März 1846 war die letzte Hinrichtung in Belzig. Es wurde der Leinewebermeister August Bräckow hingerichtet.

Im Belziger Stadt- und Landboten, auf der Seite 11, vom 04. April ist dazu eine Anzeige zur Verurteilung des Mörders August Bräckow veröffentlicht. (Bemerkung: Im Kirchenbuch von Wiesenburg steht dazu folgendes: + 28. Juni 1843 Christiane Schmeckebier geb. Schwarze[1], Witwe des Schuhmachermeisters August Schmeckebier (55 J. 6 M. 15 T.), wurde erhängt gefunden in ihrem Hause. Durch Anzeige des Gerichts Wiesenburg den 1. Juli 1843 mitgeteilt.)

 

Warnungsanzeige

Am 18. Junius 1843 wurde die Witwe Schmeckebier in dem Hause des Webermeisters August Bräckow zu Wiesenburg, wo sie als Auszüglerin lebte, erhängt gefunden. Verschiedene Umstände leiteten darauf hin, dass ein Selbstmord nicht vorliege, dass vielmehr der Webermeister August Bräckow sie ermordet habe. Er ward deshalb sofort zur Haft gebracht und gestand in Folge der gegen ihn verhängten gerichtlichen Untersuchung alsbald den Mord als vorher mit seiner Ehefrau verabredet und in der Art ein, dass er die Witwe Schmeckebier erwürgt und dann erhängt habe, damit es scheinen solle, als habe sie sich selbst erhängt. Als nicht widerlegten Grund zur That führte er an, dass ihm die Witwe Schmeckebier, mit welcher er freilich erst ganz kurze Zeit in demselben Hause gelebt, das Leben durch ihre Zanksucht verbittert habe. Bei diesem Geständnis ist er im Allgemeinen verblieben. Das erste Urteil, von dem Kriminalsenat des Königlichen Kammergerichts gefällt und am 14. November 1844 eröffnet, lautet darin, dass der Leineweber August Bräckow wegen verübten Mordes aus dem Soldatenstande zu entlassen, des Rechts, die Preußische Nationalfarbe zu tragen, für verlustig zu erklären und mit der Strafe des Rades von Untenherauf (der Betroffene wurde mit einem Rad zerschmettert. Der Henker zertrümmerte zuerst die Füße.) vom Leben zum Tode zu bringen.

Dieses Urteil hat bei der zweiten unter dem 29. d. Mts. eröffneten Entscheidung  der Oberappellationssenat des Königlichen Kammergerichts lediglich bestätigt, Se. Majestät der König haben indes durch die Allerhöchste Kabinetts- Ordere vom 24. v. Mts. die Strafe in die Todesstrafe des Beils verwandelt. Demgemäß ist der August Bräckow heute Morgen in der siebenten Stunde auf der Richtstätte bei Belzig öffentlich durch Henkershand vom Leben zum Tode gebracht.

Belzig, den 30. März 1846. Königliches Land- und Stadtgericht. Bahn.

Beschreibung des Verbrechens, welches der Leinewebermeister

Friedr. Aug. Bräckow aus Belzig

an seiner Auszüglerin,

der Witwe des Fleischers Schmeckebier zu Wiesenburg,

in der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1843 verübte,

nebst dessen Bestrafung.

Montag den 30. März 1846 hatten die Bewohner von Belzig nach einer Zeitdauer von 106 Jahren zum ersten Male wieder das entsetzliche Schauspiel einer Exekution. Es wurde an demselben Tage des Morgens in seiner siebenten Stunde der ehemalige Leinewebermeister Friedrich August Bräckow durch das Beil vom Leben zum Tode gebracht.

Derselbe wurde am 16. Juli 1813 in Belzig geboren, besuchte daselbst die Schule und lernte nach Entlassung aus derselben das Geschäft seines Vaters, die Weberei. Nach erlangtem Alter kam er zum Militärdienst in das 20ste Infanterie - Regiment zu Torgau, welches er nach beendigter Dienstzeit nicht mit den günstigsten Zeugnissen verließ. Unter anderem war er auch desertiert, kehrte jedoch freiwillig zu seiner Pflicht zurück. Am 2. Dezember 1838 heiratete er die Johanne Friederike geborene Londershausen, geschiedene Schmeckebier.

Diese Frau war nach einem längeren Prozesse von ihrem ersten Manne, dem Fleischhauer Heinr. Aug. Carl Schmeckebier zu Wiesenburg, nachdem sie denselben nach kurzer, kinderloser Ehe freiwillig verlassen hatte, geschieden. Bei der Scheidung erkannte das Gesetz, dass ihr ihr Eingebrachtes, bestehend aus 100 Thalern, zurückgegeben werde. Zwar leugnete der Schmeckebier den Empfang dieses Geldes, da er jedoch seiner Frau auf die erste Hypothek des Hauses hatte eintragen lassen, so muss es bei der Zurückgabe dieser hundert Thaler verbleiben. Allein seit der für ihn so unglücklichen Heirat war sein früher einträgliches Geschäft in Verfall gekommen (und er selbst soll durch das unglückliche eheliche Verhältnis ein ganz anderer Mensch geworden sein), so daß er außer Stande war, jene hundert Thaler auszuzahlen. Als die geschiedene Frau einige Zeit darauf sich von neuem verheiratete hatte auch ihr früherer Mann bereits verstorben war, ohne sie mit ihrer Forderung befriedigt zu haben, übernahm sie, um jene unglücklichen hundert Thaler -nicht zu verlieren - mit ihrem nunmehrigen Manne das Haus ihrer früheren Schwiegermutter in Wiesenburg unter der Bedingung, der alten Frau den Lebensunterhalt an ihrem Tische oder täglich 2 Sgr. nebst freier Wohnung zu gewähren. Auf jene Weise kam also der Bräckow nach Wiesenburg, und daselbst nach einem kurzen Aufenthalte von 14 Tagen zur Ermordung jener Frau.

Bei einem gesunden, kräftigen Körperbau besaß der Br. hinlängliche Mittel und Fähigkeiten, sein Auskommen sich auf redliche Weise zu verschaffen; allein der Keim zum Bösen lag in ihm von Jugend auf, und es sollte sich die grauenhafte Prophezeiung seines früheren Lehrer, dass es mit ihm kein gutes Ende nehmen werde, an ihm auf die fürchterlichste Weise in Erfüllung gehen.

Dieser Unglückliche, den das Glück aus der menschlichen Gesellschaft stieß und zum Tode auf dem Blutgerüst verdammte, zeigte schon als Knabe einen halsstarrigen, widerspenstigen Charakter und, wie man erzählt, einen Zug von Unbarmherzigkeit und Rohheit. An schuldlosen Tieren soll er in der Jugend diese Geistesrichtung oft bewiesen haben, die sich immer mehr ausbildete und ihn endlich, zwar wahrscheinlich nicht ohne fremder Ermutigung, zum Morde eines Menschen verleitete.

Die kurze Zeit von vierzehn Tagen, die er mit seiner Auszüglerin zusammen lebte, war für beide Teile nicht die friedlichste; denn verbitterte auch die Ww. Schmeckebier durch Zanksucht ihm und seiner Frau das Leben, so lässt sich wohl der Grund annehmen, dass von seiner und seiner Frauen Seite nichts geschehen ist, dieser alten Frau das Leben erträglich zu machen, ja es wird behauptet, dass er derselben schon vorher wiederholt mit einem gewaltsamen Tode gedroht haben soll. Zwar wollte die Ww. Schmeckebier dieser Drohung lange keinen Glauben schenken, allein am Abend vor jener schwarzen Tat soll sie plötzlich bange Ahnung überfallen und sie eine nahe Verwandte um ein Obdach für die Nacht gebeten haben. Diese riet ihr jedoch in ihre Wohnung zu gehen; denn auch sie war weit davon entfernt daran zu denken, dass Br. seine Drohungen wahr machen werde. Kaum war die Schmeckebier in ihre Stübchen eingekehrt, um sich zu Ruhe zu legen, als auch der Bräckow mit seinem Weibe in ihre Stube trat und ihr mit kaltem Blute ihren Tod verkündete. Alles Bitten und Flehen dieser halb entkleideten unglücklichen Frau fand in den Herzen ihrer Mörder keinen Widerhall. Mit teuflischen Mute erfassten sie dieselbe um sie zu erwürgen und dann aufzuhängen. Als ersteres geschehen war, erzählt man sich weiter, ließen sie dieselbe im Todeskampfe liegen und entfernten sich, kehrten jedoch bald darauf zurück, um sich zu überzeugen, ob ihr Opfer nun vollendet habe. Dieses aber hatte die Schlinge um seinen Hals gelüftet und war auf den Boden entflohen, sich dort vor ihren Peinigern zu verbergen. Bald war sie aber entdeckt, und die Greuelszene sollte von Neuem beginnen. Das weckte das Bitten der Unglücklichen den letzten Funken von Menschlichkeit in der Brust Bräckow's. Doch hatte dieses Mitgefühl seine Ausdauer, und so musste denn das unglückliche Opfer zum zweiten Male seinen Tod erleiden. Hierauf wurde es aufgeknüpft, damit es scheinen möge, als habe es sich selbst entleibt. Da jedoch keine Umstände vorhanden waren, die auf einen Selbstmord schließen ließen, so wurde Bräckow samt seiner Frau sofort zur Haft gebracht. Ersterer gestand dann ganz freiwillig den ihn von Wiesenburg nach Belzig eskortierenden Gerichtsdienern seine Tat, die er in wenigen Augenblicken gegen mehrere hinzu­tretende Personen wiederholte, und zwar als in Folge zänkischen Wesens der Schmeckebier von ihn verübt; er hielt sein Verbrechen nicht für so strafbar, hoffte im Gegenteil, bald aller Strafe quitt zu sein und sich der Freiheit zurückgegeben zu sehen. Desselbe war mit der Frau der Fall. Allein Beider wartete ein anderes Los.

Die 1ste Entscheidung des Kriminalsenats des Kgl. Kammergerichts verurteilte ihm zum Unter­herauf und sie zum Rad von Obenherunter. Dieser Ausspruch mochte wohl ihre Erwartungen etwas herabstimmen; nichts desto weniger hofften sie von der ergriffenen Appellation einen für ihr Schicksal günstigeren Ausspruch. Obgleich nun das Endresultat dieser Appellation beiden Teilen ein milderes Los bereitete, so wurden beide dennoch durch dasselbe für immer für die menschliche Gesellschaft unschädlich gemacht.

Auf Bräckows geistigen Zustand machte die gerechte Strenge des 1sten Urteils keinen Eindruck; er blieb ein verstockter Sünder bis zu dem Augenblick, wo ihm in der achten Stunde des 29. März sein 2tes gleiches Urteil, das die Gnade Sr. Maj. des Königs in die Todesstrafe durch das Beil gemildert hatte, eröffnet wurde. An demselben Tage des Nachmittags in der 3ten Stunde wurde auch der Frau eröffnet, dass sie des andern Tages auf 30 Jahre in die Strafanstalt abgeführt werden würde.

Auf seinem Gang vom Gefängnis zum Gerichtslokale, wo ihm diesmal sein herbes Geschick verkündete werden sollte, war Br. Ganz der stumpfsinnige, unempfindliche Mensch wie von Anfang an. Als ihm jedoch eröffnet wurde, dass er nach 24 Stunden den Tod erleiden solle, traf ihn die ganze Schwere seines Verbrechens; denn als die Worte: „Morgen früh in der siebenten Stunde erleidest Du den Tod durch's Beil!“ sein Ohr trafen, da senkte sich sein Blick zur Erde und vernichtete, keines Wortes mächtig, stand er regungslos vor seinen Richtern. Endlich, auf wiederholtes Fragen, sprach er mit bebender Stimme: „Gnade!“ - es wurde ihm die Unmöglichkeit einer Begnadigung gezeigt und ihm obrige Frage aufs Neue vorgelegt, und wiederum bat er um „Gnade!“.

Und welches Menschen erster und einziger Gedanke sollte nicht, wenn er sein Leben nur noch wenige Stunden zugeteilt, wenn er sein Grab offen sieht, Gnade sein?

 

Denn's Grab ist tief und stille

und schauerlich sein Rand.

Aber wenn das Grab schon für den schauerlich ist, der kein Verbrechen, höchstens menschliche Schwäche zu sühnen hat, wie viel mehr muss es dieses nicht für den sein, der bis zum vorsätzlichen Morde herabsinken konnte, der der entsetzlichen Straffe, bei deren Vorstellung das Herz des fühlenden Menschen erbebt, schon hier auf Erden verfiel? Und hätte der Mensch sich von der Jugend auf in der Schule des Verbrechens verhärtet, und hätte er in seiner Verblendung weder vor Gott noch vor den Gesetzen der Menschheit und den Gefühlen der Menschlichkeit Achtung gehabt, in der Stunde des Todes wird ihn die Verzweiflung ereilen. Mag sich immerhin der roheste Verbrecher beim Hinblick auf seinen nahen Tod noch so sehr bemühen, in seinem Äußeren ruhig und gefasst zu erschienen, den Sturm seines Innern wird er vergeblich, bei dem Gedanken, das er in wenigen Minuten vor dem Richterstuhle Dessen erscheinen soll, der mit gerechter Waage die Taten der Menschen wägt und die Sünder nach ihren Missetaten bestraft, furchtbar erwachen. Denn nicht umsonst hat der allmächtige Gott in die Brust seiner Menschen den unbestechlichen Richter, das Gewissen, gelegt.

Als Bräckow nun endlich einsah, das keine Macht sein Schicksal ändern könnte, wendete er sich mit den Worten ab: „Nun, wie Gott will!“ Hierauf kehrte er in das Gefängnis zum letzten Male zurück, um bald darauf für immer aus ihm und aus dem Leben zu scheiden. Hier verlebte er seine letzten vierundzwanzig Stunden in anscheinender Ergebung in Gott und sein Geschick, besucht von Frau und Kind und manchen Anderen. Für seine Frau forderte er zu ihrem Transport nach der Strafanstalt 2 außenstehende Thaler ein, diese bestimmte jedoch das Geld zur Anschaffung eines Trauerkleides für ihr Kind.

Frühmorgens in der fünften Stunde des 30. März empfing Bräckow das Abendmahl. Gegen 6 Uhr versammelte sich auf hiesigem Marktplatz eine Abteilung des zu dieser Exekution von Brandenburg hierher kommandierten Cuirassierregiments, um mit einen ebenfalls von dort hierher beorderten Kommando des Füsilierbataillons Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Infanterie war bereits zur Richtstätte marschiert, während die Cuirassiere vom Markt aus vor das Gefangenenhaus des hiesigen Königl. Land- und Stadtgericht ritten, um den Wagen, auf welchem sich der Delinquent mit den ihn eskortierenden Gerichtsdienern befand, in ihre Mitte nehmend, setzten sie sich in raschem Schritt durch die Stadt nach der Richtstätte auf dem so genannten Galgenberg vor dem Wiesenburger Tore, links des Weges nach Lübnitz und ungefähr eine kleine Viertelstunde von der Stadt entfernt, in Bewegung. Auf dem Weg nach der Richtstätte selbst mochte er unter der zahlreichen den Wagen begleitenden Menschenmenge so manchen Bekannten erblicken, denen er mit bebenden Lippen und durch das Abnehmen der Mütze ein Lebewohl zurief, einen Gruß, der in dem Herzen manches christlich fühlenden Zuschauers Mitleid und das schmerzliche Bedauern erweckte, dass ein Mensch so tief sinken und sich durch seine Unmenschlichkeit den Tod auf dem Blutgerüst zuziehen konnte. Auf einen anderen Teil der Zuschauer machte dies, wie die Enthauptung selbst, keinen Eindruck, denn sie schienen nicht zu bedenken, dass er ein Mensch war. Sie sahen in ihm nur den rohen Verbrecher, der diese entsetzliche Strafe verdiente. Von einem dritten sehr kleinen Teile hörte man wohl die Äußerung: „Gott bewahre unsere Kinder vor einem bösen Herzen und solch einem Ende!“ Das möchte wohl der beste aller Wünsche bei derartigen Gelegenheiten sein, „dass der Gott der Kinder Herzen vor allem Hang zum Bösen bewahren und die Seelen der Eltern erleuchten möge, diesen Hang zu erkennen und bei Zeiten zu unterdrücken!“ Nicht immer trifft den Verbrecher die ganze Schuld seiner Untat; ein guter Teil fällt oft auf die Erzieher zurück. Endlich hatte sich ein großer Teil mit der unmündigen Jugend eingefunden, damit diese ein Exempel von der Bestrafung Dessen sehe, den das Gesetz aus dem Verband der Menschheit zu stoßen gezwungen war, und damit sie Abscheu vor dem Verbrechen bekommen möchte. Dass dieser Zweck durch solch eine Szene erreicht werde, dass ein verstockter Sinn dadurch gleichgültiger gegen das Leben eines Mitmenschen werde, und ein reines kindliches Herz durch wiederholte ähnliche Eindrücke seinen besten Teil, das Mitleiden, zu Grabe trägt. Besser wäre es, sie lernten das Verbrechen gar nicht, dahingegen den schönen Spruch von zartester Jugend an kennen und befolgen:

 

Ueb' immer Treu' und Redlichkeit

Bis an dein stilles Grab

Und weiche kein Finger breit

Von Gottes Wegen ab;

Dann wirst du wie auf grünen Au'n

Durch's Erdenreich gehen,

Dann kannst du ohne Furcht und Grau'n

Dem Tod' ins Auge sehn.

Als der Delinquent am Fuße des Schafottes angelangt war, wurde ihm nochmals sein Urteil vorgelesen, worauf er von seinen Richtern Abschied nahm, niederkniete, um zu beten, dasselbige bestieg, und, seinen Geist seinem himmlischen Vater empfehlend, legte er seinen Kopf auf den Klotz. Ein Augenblick später fiel das Beil und das Verbrechen war in dieser Welt gesühnt. Sein Körper wurde durch eine Falltür in das unmittelbar unter dem Schafott befindliche Grab geworfen und daselbst verscharrt. So endete das Leben zweier Menschen. Das eine auf dem Blutgerüst, des anderen im strengen Verwahrsam einer Strafanstalt; denn es ist auch möglich, das die Bräckow jemals die sie umgebenden Kerkermauern verlässt, so wird sie auch dann einer lebendigen Toten gleichen durch ihr Anteil an dem verübten Verbrechen, dem Beweis ihres moralischen Todes.

Ach der Himmel sieht so traurig

Weinend auf die Erde nieder,

Durch die Gassen klingt es schaurig:

„Menschen, einer eurer Brüder,

Konnt' mit fühllos kaltem Herzen

Nicht erbarmen sich der Schmerzen

Einer Frau, die er erhängt,

Nun dafür den Lohn empfängt.“

Deutlich war es an dem Lichte,

Dass Bräckow der Mörder sei,

Und so gab er dem Gerichte

Sich als Mörder frank und frei

Nennt die Tat als wohl bedacht

Mit der Frau im engen Bunde

Einzig doch von ihm vollbracht

In der unheilvollen Stunde.

 

Weit entfernt, zu bereuen

Jene Tat, entsetzenvoll,

Schien derselben zu er freuen

Sich – hielt sie wohl ehrenvoll;-

Denn in der verderbten Seele

War der Glaube eingekehrt,

Dass, wer Geld und Güter stehle

Mehr der Ehr' als er entbehrt.

 

So verschmäht er, was der Glauben

Ihm zu bieten nur vermag

Nichts konnte ihm die Hoffnung reichen,

Die er töricht sich versprach;

Denn er wähnte, in wenigen Jahren

Aller Strafe quitt zu sein,

Aller Strafe, den Gefahren,

Die den Mörder hier bekäm.

 

Doch wo Gott der Vater Thronte

Soll kein Bösewicht bestehn,

Von dem, der die Jugend lohnet,

Muss das Laster untergehn;

Darum gab er dem Gesetze

Recht und Kraft an seiner Statt:

„Wer ein Leben frech vernichte

Auch den Tod verdienet hat.“

 

Als sein Urteil nun gesprochen,

Ihm verkündet nun sein Tod,

War sein harter Sinn gebrochen,

Wandte sich sein Herz zu Gott,

und so ging er gottvertrauend

Standhaft seinem Tode zu,

Bat, auf Gottes Gnade bauend,

Ihn um eine sanfte Ruh.

 

Diese Ruhe mög er finden

In der Erde kühlen Schoß;

Grad' mög' ihm der Richter künden,

Dessen Gnade grenzenlos,

Dessen Liebe, dessen Treue

Wieder wird nach wahrer Reue

Jeglichem, der zu ihm steht,

Selbst wenn er am Grabe steht.

 

1855

Zwei Kapitalfälle

Im Anfange des Jahres 1855 bewohnte der Mühlenmeister Johann Karl Gustav Solle mit seiner Ehefrau Henriette, verwitwet gewesenen Mühlenmeister Aulich [2], geborenen Willmann, im Dorfe Canin (Kreises Zauch-Belzig) ein der Letzteren gehöriges Gehöft, welches an dem nach Busendorf führenden Wege am Ende des Dorfes lag und von den nächsten bewohnten Gebäuden 50 und 80 Schritt entfernt war. Auf demselben befanden sich ein Wohnhaus, zwei Schuppen, ein Stall und eine Scheune. Alle diese Gebäude waren teils durch eine Mauer, teils durch einen Bretterzaun dergestalt mit einander verbunden, dass sie einen rings umschlossenen Hof bildeten, welcher von drei Seiten her, nämlich durch den Flur und die Küche des Wohnhauses, durch eine in der Scheune befindliche verschließbare Pforte und durch einen in der Mauer angelegten Thorweg, zugänglich war.

Das einstöckige Wohnhaus wurde durch den Flur und die dahinter belegene Küche in zwei Teile getrennt, deren jeder zwei Zimmer enthielt. In dem einen Vorderzimmer pflegte die Sollesche Dienstmagd mit den beiden Kindern erster Ehe der verehelichten Solle und dem ältesten Kinde der Solleschen Eheleute zu schlafen. Das andere Vorderzimmer wurde als Wohnstube benutzt. Jedes dieser beiden Zimmer hatte vom Flur aus einen Eingang. An die Wohnstube schloss sich ein Zimmer, welches den Solleschen Eheleuten und ihren beiden jüngsten Kindern als Schlafstube diente. Dasselbe hatte nur vom Wohnzimmer aus einen Zugang und ein am Hofe belegenes Fenster.

Am Morgen des 11. April 1855, eines Mittwochs, hatte der Mühlenmeister Solle eine Reise angetreten, von welcher er am Abende desselben Tages um 11 Uhr noch nicht wieder zurückgekehrt war. Um diese Zeit verließ auf Anweisung der verehelichten Solle deren Dienstmagd, die unverehelichte Müller, das Sollesche Wohnzimmer und begab sich in die andere, jenseits des Hausflurs befindliche Vorderstube, wo sie sich zu Bett legte. In dieses Zimmer ging die verehelichte Solle mit ihr, und holte aus der an dasselbe angrenzenden Kammer Kuchen für ihren Ehemann, dessen Rückkehr sie erwartete. Sodann begab sie sich in das Wohnzimmer zurück, gleich nachher kam sie indes nochmals zu der Müllerin und fragte diese: „ob die Zugänge des Gehöfts verschlossen seien?" Als die Müllerin hierauf bejahend geantwortet hatte, ging die Solle von neuem in ihr Wohnzimmer.

Die Müllerin, welche ohne zu schlafen, im Bette lag, hörte, dass die beiden Hunde des Solle, während sie das Wohnhaus umkreisten, ungewöhnlich viel bellten. Nach etwa einer halben Stunde vernahm sie von den Zimmern jenseits des Flurs her ein nicht sehr starkes Geräusch, welches ihr von dem Falle eines Gegenstandes zur Erde herzurühren schien. Da das jüngste Sollesche Kind schon sonst mitunter aus der Wiege gefallen war, so glaubte sie jenes Geräusch einem solchem Falle zuschreiben zu müssen. In dieser Vermutung wurde sie durch einen gleichzeitigen Ruf ihrer Herrin bestärkt, welchen sie dahin verstand: „Ach Gott! mein Kind! Sie hörte dm Ruf nur schwach, da die beiden Türen, welche sie von den Zimmern jenseits des Flurs trennten, eingeklinkt waren. Hierauf wurde alles Still, auch hörten die Hunde auf zu bellen. Nach kaum einer halben Stunde hörte die Magd das jüngste Sollesche Kind schreien, Sie stand deshalb auf, ging, ohne Licht anzuzünden, an die Tür des Wohnzimmers, öffnete dieselbe, trat auf die Schwelle und rief mehrmals:„Frau Meisterin!“

ohne indes; eine Antwort zu erhalten. In dem finstern Zimmer konnte sie nichts unterscheiden. Da das Kindergeschrei, welches aus dem Schlafzimmer zu kommen schien, aufhörte, kehrte sie zurück und legte sich wieder zu Bette. Kaum war dies geschehen, als das Kind abermals zu schreien anfing. Die Müllerin ging nun nach der Küche, zündete dort einen Kienspan an und trat, mit diesem versehen, in das Wohnzimmer ein. Hier lag die Solle in der Nähe der nach dem Flur führenden Tür leblos am Boden und zwar mit dem Kopfe an der Ecke eines neben der Tür stehenden Schrankes. Hinter dem Leichnam stand Barfuss und in seiner Nachtkleidung das schreiende einjährige Sollesche Kind, während das drei Jahre alte Kind noch schlafend im Bette der Mutter lag. In letzterem schien auch das jüngste Kind bereits gelegen zu haben, denn die Wiege desselben war glatt zugedeckt und das Bett des Solle noch ganz unversehrt. Die verehelichte Solle war noch eben so bekleidet, wie in dem Augenblicke, als die Müller sie zum letzten mal lebend gesehen hatte; auch erschien ihr Bett nicht eingedrückt genug, um annehmen zu lassen, dass sie bereits darin gelegen hatte.

An ihrem Leichnam zeigten sich auf der Stirn zwei mit Blut unterlaufene Stellen. Geronnenes Blut befand sich am Munde und an der Nase der Leiche, sowie auf dem Fußboden an derjenigen Stelle, an welcher der Kopf derselben gelegen hatte. Auch bemerkte man am rechten Ohre einige Spuren von angetrocknetem Blute, nicht weit vom Leichnam entfernt, nach der geöffneten Tür der Schlafstube zu, lagen ein Pantoffel der Solle und die Lampe derselben umgestürzt und erloschen am Boden.

In dem Fenster der Schlafstube, dessen Brüstung eine Höhe von nur vier Fuß hatte, war die untere Scheibe des, von außen gesehen, linken unteren Flügels zerbrochen, und außen auf dem Gesimse des Fensters lag ein Stück Mauerstein. Die Fensterlade war, wie gewöhnlich offen, das Fenster selbst aber durch die Knebel «erschlossen. Die gedachte Scheibe fand man zum Teil heraus gebrochen und zwar so, dass unten ein schmaler, oben ein breiter, und an der rechten Seite ein noch breiterer Rand von Glas stehen geblieben war. Das am unteren Teile des Fensterrahmens haftende Glas hatte zahlreiche Sprünge, welche sich als die Radien eines Kreises darstellten, dessen Mittelpunkt nicht fern von der rechten unteren Ecke der Scheibe gelegen haben würde. Die oberen Begrenzungslinien der durch die Sprünge gebildeten Splitter verhielten sich zu dem gedachten Punkte wie Abschnitte von Kreislinien. Diejenigen Teile des Glases, des Fensterrahmens und des Kreuzes, welche sich dem Loche zunächst befanden, waren von außen ebenso, wie der innere, gegen die Scheibe senkrecht stehende linke Rand des Rahmens, mit einer stumpfen, schwärzlich braunen Farbe überzogen, welche leicht verwischt werden konnte und augenscheinlich vom Verbrennen von Pulver herrührten. Nur in der unmittelbaren Nähe des Loches blieben am Fensterrahmen, wenn man die daselbst bemerkte dunkle Farbe betastete, gelbliche oder bräunliche Stellen von glänzendem Aussehen zurück. Übrigens färbte die in Rede stehende schwärzlich braune Substanz das Fensterkreuz von außen nur so weit, als nicht der einspringende Fensterflügel, wenn er geschlossen war, dasselbe bedeckte.

Auch einige der im Zimmer bis auf die Wiege und das dem Fenster gegenüberstehende Bett verstreuten kleinen Glassplitter fand man auf der einen Seite mit jener Substanz überzogen.

Die Zugänge des Solleschen Gehöfts waren in der Nacht vom 11. zum 12. April v. J. verschlossen gewesen; es schien jedoch, als sei in jener Nacht Jemand in das Gehöft vom Solleschen Garten aus über den dazwischen liegenden, etwa 7 Fuß hohen Bretterzaun eingestiegen. Im Garten stand nämlich schon seit dem Anfange des April v. I, eine an den gedachten Zaun, und zwar an eine zum Teil abgebrochene Stelle desselben, angelehnte Baumleiter, unter deren Benutzung man sehr leicht vom Garten in das Gehöft und zurück gelangen konnte.

Am Morgen des 12. April bemerkte man nun, dass die Leiter aus ihrer bisherigen Stellung frisch verrückt worden war, als wenn sie zum Übersteigen bequem gesetzt worden wäre; auch nahm man gleichzeitig im Garten eine bis an die Leiter und von dieser zurückführende Fußspur war.

Im Übrigen zeigten sich nach dem Tode der verehelichten Solle auf dem Solleschen Gehöfte keine Veränderungen; insbesondere ergab sich, dass daselbst in der Nacht vom 11. zum 12. April eine Entwendung irgend welcher Gegenstände nicht verübt worden war.

Als man am Nachmittage des 12. April den Leichnam der Verstorbenen entkleidete, um ihn zu waschen, fand man auf der Brust desselben 14 kleine Locher von der Größe eines Rehpostens auf einem 6 Zoll langen und 8 Zoll breiten Räume zusammengedrängt, und ferner in den Kleidungsstücken, welche die Brust bedeckt hatten, Löcher von gleicher Größe vor. Hierdurch gewann man die Überzeugung, dass die Solle nicht, wie man Anfangs angenommen hatte, erschlagen, sondern dass sie erschossen worden sei.

Am 13. April erfolgte die gerichtliche Leichenobduktion, auf Grund deren die ärztlichen Sachverständigen ihr ausführlich motiviertes Gutachten dahin abgaben:

1. „dass die Solle durch einen aus großer Nähe und mit großer Kenntnis und Berechnung der Kraft des Pulvers abgefeuerten Schuss von 14 Rehposten getötet worden ist;

2. dass die hierdurch bewirkte Verletzung in einer Durchbohrung der Vorhöfe des Herzens, des Herzbeutels, und in einer Zerreißung der Lungen und der großen Blutgefäße bestanden hat;

3. das der Tod fast unmittelbar nach der Verletzung durch Herz- und Lungenlähmung erfolgt ist, und

4. dass diese Verletzung in forensischer Beziehung jedenfalls zu den an und für sich unter allen Umständen absolut lethalen gehört."

In Betreff der oben erwähnten, an der Stirn des Leichnams vorgefundenen Sugillationen bemerkten die Obduzenten:

„Diese Verletzungen seien durch die gewaltsame Einwirkung eines stumpfen Körpers, vielleicht durch das Anschlagen des Kopfes gegen einen Schrank in dem Augenblicke entstanden, als die Solle, von dem Schusse getroffen, zu Boden fiel. Der stattgehabte Schlag oder Stoß habe offenbar eine Erschütterung des ganzen Schädelgewölbes, eine Stockung des Bluts in den äußeren Umhüllungen des Gehirnes, und dadurch eine Anfüllung und Auftreibung der Gefäße des Schädels und der harten und weichen Hirnhaut herbeigeführt, während die Substanz des großen und kleinen Gehirnes blutleer gewesen sei. Auch scheine jene äußere stumpfe Gewalt eine Gefässruptur in Ohr und Nase verursacht zu haben, da ein bedeutender Blutausfluss aus dem rechten Ohre und der Nase der Solle während ihres Lebens eingetreten sei und auch noch nach ihrem Tode bei der Besichtigung und Bewegung des Leichnams fortgedauert habe. Die in Rede stehenden Kopfverletzungen könnten indes als die Todesursache nicht angesehen werden, zumal die Entwicklung der weiteren Wirkungen dieser Verletzungen durch die in Folge des Schusses inzwischen eingetretene Herz- und Lungenlähmung unterbrochen worden sei." Die so eben dargestellten Ermittelungen lassen es, was den Hergang des vorliegenden Verbrechens anlangt, unzweifelhaft erscheinen, dass der Täter in das Sollesche Gehöft vom Garten aus eingestiegen ist, dass er demnächst, ohne in das Wohnhaus einzudringen, vom Hofe aus dm Lauf seines Gewehres an die linke untere Scheibe des Schlafstubenfensters gelegt und denselben auf das vor dieser Scheibe auf dem Gesimse des Fensters nach der Zeit der Tat vorgefundene Stück Mauerstein gestützt, dass er sodann den Schuss auf die Solle, als diese mit der brennenden Lampe von der Wohnstube aus in das Schlafzimmer eintreten wollte, abgedrückt und hierauf das Sollesche Gehöft aus demselben Wege verlassen hat, auf welchem er gekommen war.

Nicht unerwähnt ist hierbei der Umstand zu lassen, dass um die Zeit des Todes der verehelichten Solle ein Schuss weder von der Solleschen Dienstmagd, unverehelichten Müller, noch von den dem Solleschen Gehöfte zunächst wohnenden Personen gehört worden ist. Diese Tatsache erklärt sich einen Teils aus der Richtung des. Windes, welcher zur Zeit der Tat gerade auf das Fenster des Schlafzimmers zustand, sowie daraus, dass der Täter wahrscheinlich den Lauf seines Gewehres dicht an die Scheibe gedrückt hatte, anderen Teils aus der geringen Pulverladung, welche der Täter genommen haben muss, wie daraus zu schließen ist, dass keiner der 14 Rehposten den Rücken der Solle durchdrungen hat.

Der Verdacht der Täterschaft lenkte sich sofort auf den Maurergesellen August Wiedecke zu Rädel im Kreise Zauch-Belzig, und es entstand ferner die Vermutung, dass der Ehemann der Getöteten der Anstifter des Verbrechens gewesen sei. Nach dem Abschluss der Voruntersuchung wurde Wiedecke des Mordes der verehelichten Solle, und der Mühlenmeister Solle der Teilnahme an diesem Verbrechen angeklagt. Bei der mündlichen Verhandlung der Sache, welche am 22., 23., 24. und 26. November 1855 vor dem Schwurgerichte zu Brandenburg stattfand, bekannten beide Angeklagte sich für nicht schuldig, die Geschworenen erklärten jedoch mit mehr als sieben Stimmen für überführt:

1. der Wiedecke:

in der Nacht vom 11. zum 12. April 1855 zu Canin vorsätzlich und mit Überlegung die Ehefrau des Mitangeklagten Mühlenmeisters Solle, geborene Willmann, durch einen Schuss getötet zu haben, und

2. den Solle:

den Täter des zu 1 bezeichneten Verbrechens zur Begehung desselben durch Geschenke und Versprechungen angereizt, verleitet und bestimmt zu haben.

Zugleich bejahten die Geschworenen ebenfalls mit mehr als sieben Stimmen die in Betreff des Wiedecke ihnen vorgelegte zusätzliche Frage: ob die Tat zu 1 unter besonders erschwerenden Umständen begangen worden sei?

Der Ausspruch der Geschworenen gründet sich, nach Inhalt der Akten, auf folgendes Sachverhältnis.

I. Der Angeklagte Wiedecke, 44 Jahre alt, evangelischer Konfession, hat behauptet, in der Nacht vom 11. zum 12. April v. J., in welcher die Solle getötet wurde, zu Hause gewesen zu sein und geschlafen zu haben. Es sind jedoch folgende Indizien seiner Täterschaft ausgemittelt worden:

1. Die vorher beschriebenen näheren Umstände des gegen die Solle verübten Verbrechens deuten darauf hin, dass dasselbe von einer Person begangen worden ist, welche eine genaue Kenntnis der Örtlichkeit des Solleschen Gehöftes besaß. Eine solche Kenntnis aber konnte Wiedecke wohl erlangt haben, denn er hatte, wie unten näher erörtert werden wird, in den letzten Monaten vor dem Tode der Solle mit deren Ehemanne vielfach verkehrt und war in den letzten Wochen vor diesem Zeitpunkte häufiger, als sonst, in Canin gesehen worden, wo er die Witwe Tabbert, die Mutter der mit einem seiner Sohne verlobten unverehelichten Tabbert, zu besuchen pflegte. Auch war es einem Nachbar des Solle, dem Gutsbesitzer Matthes, aufgefallen, dass kurz vor der Tat der Wiedecke, wenn er vor dem Solleschen Gehöfte vorüberging, dasselbe mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten schien,

2. Die Behauptung des Angeklagten Wiedecke: dass er in der Nacht vom 11. zum 12, April v. J. zu Hause gewesen sei und geschlafen habe, ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil die verehelichte Arbeitsmann Klein, eine Nachbarin des Wiedecke, bekundet hat.

„sie habe in der gedachten Nacht ungefähr um 11 Uhr die Tür der Wiedeckeschen Wohnung deutlich klappen hören und sei einige Stunden nachher, um 2 Uhr, durch ein abermaliges Klappen derselben Tür aus dem Schlafe geweckt worden,"

3. Die oben erwähnten Fußspuren, welche am Morgen nach der Tat im Solleschen Garten bemerkt wurden, sind sogleich genau untersucht und weiter verfolgt worden. Sie führten von der an den Solleschen Hofzaun angelegten Baumleiter bis nach dem etwa eine Stunde von Canin entfernten Dorfe Rädel, dem Wohnorte Wiedeckes, und von diesem Dorfe zurück bis nach der gedachten Baumleiter. Sie rührten augenscheinlich nicht von Mehreren, sondern nur von einer, und zwar sämtlich von einer und derselben Person her. Diese war von Rädel nach Canin in Schuhen ohne Absätze gegangen und hatte zum großen Teile den Fahrweg benutzt, während sie auf dem Wege von Canin nach Rädel durch die etwa 1000 Schritt von dem Solleschen Grundstücke entfernt liegenden Fichten, sodann aber Auf weiten Umwegen über das Feld bis hinter Busendorf, und von hier geradenwegs nach Rädel gegangen war. In der Nähe von Busendorf hatte sie die Schuhe ausgezogen und war einige tausend Schritt auf Strümpfen gegangen. In Rädel endeten die Spuren zwischen den beiden ersten Häusern, wo sie durch andere Fuß- und Wagenspuren verwischt waren. Wenn man die Richtung, welche die Spuren zuletzt hatten, weiter verfolgte, so traf die Verlängerung derselben in einer Entfernung von 15V Schritt gerade auf die Wohnung des Wiedecke.

Über das Dorf Rädel hinaus wurden keine Fußspuren gesunden, welche den in Rede stehenden ähnlich gewesen wären.

Es ist als festgestellt zu betrachten, dass die zwischen Rädel und Canin bemerkten Fußspuren vom Angeklagten Wiedecke herrührten. Am 13. April nämlich wurde derselbe vom Untersuchungsrichter in Gegenwart des Staatsanwalts Voigt zu Brandenburg, des Rentmeisters und Polizeiverwalters Lentzer daselbst, des Mitangeklagten Solle und einiger anderen Personen veranlasst, an Ort und Stelle eine Strecke im Freien auf Strümpfen zu gehen und es ergab sich bei Messung und Begleichung feiner Fußspuren mit den unfern von Busendorf wahrgenommenen, v«n Strümpfen herrührende.« Eindrücken, dass beide Arten von Spuren untereinander genau übereinstimmten.

Bei der Vornahme dieser Probe zeigten beide Angeklagte sich auffallend verlegen und ängstlich.

Einige Tage später, am 17, April v. J. fand man in dem hinter der Wiedeckeschen Wohnung gelegenen Garten ein Paar Frauenschuhe versteckt vor, welche mit eben solchem Erdreiche, wie zwischen Canin und Rädel vorhanden ist, beschmutzt waren. Diese Schuhe passten dem Wiedecke bequem und als derselbe später vom Untersuchungsrichter unter Zuziehung des Rentmeisters Lentzer dazu angehalten wurde, in Brandenburg auf einem frisch geackerten und geeggten Terrain, mit den gedachten Schuhen bekleidet, zu gehen, stellte es sich heraus, dass die von ihm hinterlassenen Spuren denjenigen zwischen Canin und Rädel am Tage nach der Tat bemerkten Fußspuren, welche von Schuhen herrührten, in jeder Beziehung völlig ähnlich waren. Zwar erschienen die Spuren bei Brandenburg nicht ganz so ausgeprägt, wie die bei Canin gefundenen; indes war der zwischen beiden Spuren vorhandene Unterschied nur gering und rührte, nach der Ansicht des Rentmeisters Lentzer, unzweifelhaft lediglich daher, dass der Boden, in welchem man die Fußspuren bei Canin wahrgenommen hatte, in Kiessand besteht, während Wiedecke in Brandenburg auf einem gepflügten und geeggten Acker gegangen war.

4. Der Angeklagte Wiedecke hat vor Gericht den Besitz von Schuhen und Schusswaffen geleugnet, auch wurden derartige Gegenstände in seiner Wohnung bei mehreren daselbst am 12. und 13. April v. J. vorgenommenen Nachsuchungen nicht aufgefunden. Gleichwohl aber fragte Wiedecke, als er am 14. April v. J. nach Brandenburg transportiert wurde, seine Begleiter: „ob das Gewehr schon gefunden sei?"

Ferner wurde der Verdacht, dass der Angeklagte den Besitz der bei ihm gesuchten Überführungsstücke wider besseres Wissen in Abrede stelle, durch einige Äußerungen bestärkt, welche die verehelichte Kuhhirt Wiedecke, eine Schwägerin des Jnkulpaten, am 13. April v. J. der verehelichten Arbeitsmann Klein gegenüber Tat. Die Wiedecke nämlich, welche mit dem Angeklagten in einem und demselben Hause wohnte, antwortete am gedachten Tage der Klein, ihrer Nachbarin auf deren Frage:

„ob bei der in der Wiedeckeschen Wohnung abgehaltenen Haussuchung Etwas gefunden worden sei?"

„Nein, noch hätten sie nichts gefunden, aber wenn man nur reden dürfte, dann könne es wohl sein, dass man Etwas finde."" Als hierauf die Klein zur Wiedecke sagte: „wenn sie Etwas wisse, so müsse sie es angeben!" entgegnete Letztere:

„dann schlagen sie mich wohl tot?" Endlich teilte die Wiedecke der Klein auf deren wiederholtes Zureden mit: „Wiedeckes hätten im Garten ein Loch am Zaune gemacht; sie hätten alle Drei daran gearbeitet, der Vater mit den beiden Söhnen; sie habe es selbst gesehen; sie hätten ein Kuchenbrett dazu benutzt." Einige Tage nachher am 17. April Morgens, fand in der Tat der Rentmeister Lentzer bei einer nochmaligen Rachsuchung in dem hinter der Wiedeckeschen Wohnung belegenen Garten, und zwar etwa 4t) Schritt vom Wohnhause entfernt, neben einem Schuppen, ein mit Reisig und Erde sorgfältig bedecktes und mit Brettstücken ausgesetztes Loch, in welchem ein Gewehr und ein Paar Frauenschuhe lagen. Auf Vorhaltung dieses Umstandes hat der Wiedecke erklärt: „er wisse weder, wer das Loch gemacht habe, noch wie das Gewehr in dasselbe hineingekommen sei; auch kenne er das Gewehr ebenso wenig, als die gefundenen Schuhe." Es kann jedoch keinem Bedenken unterliegen, dass die Schuhe und das Gewehr sich im Besitze des Angeklagten befunden haben, und dass er, sei es allein, sei es in Gemeinschaft mit anderen Personen, diese Gegenstände in dem gedachten Loche versteckt hat. Hierfür sprechen zunächst die vorher erwähnten, von der verehelichten Kuhhirt Wiedecke am 13. April der verehelichten Arbeitsmann Klein gegenüber getanen Äußerungen, sowie der Umstand, dass der Ehemann der Klein, welcher vor 9 Jahren zu einer Zuchthausstrafe von 18 Monaten, wegen Ankaufs gestohlenen Wildes, verurteilt worden ist, eidlich bekundet hat:

„er sei eines Tages, im Herbste 1854, in die Wohnung des Angeklagten Wiedecke eingetreten und habe daselbst dessen Sohn, Vornamens Karl, allein angetroffen. Dieser sei gerade mit der Reinigung desselben Gewehres beschäftigt gewesen, welches am 17. April v. J. in dem Wiedeckeschen Garten versteckt gefunden worden ist." Ferner sind die gefundenen Schuhe dieselben, mit denen Wiedecke bei der oben gedachten, in Brandenburg vorgenommenen Vergleichung seiner Fußspuren mit den bei dem Orte der Tat bemerkten, von Schuhen herrührenden Spuren bekleidet war.

Was insbesondere das in Rede stehende Gewehr anlangt, so füllt die Auffindung desselben gegen den Angeklagten um so mehr ins Gewicht, als die Sachverständigen: Militair - Büchsenmacher Scopa und Büchsenmacher Bergemann zu Brandenburg, welche das Gewehr sogleich am Tage der Auffindung desselben, am 17. April untersuchten, sich gutachtlich dahin ausgesprochen haben: „es sei aus dem Gewehr in den letzten 12 Tagen vor dem 17. April v. J., aller Wahrscheinlichkeit nach aber in einer noch kürzeren Zeit vor diesem Tage, einmal oder höchstens zweimal geschossen worden."

5. Der Angeklagte ist ferner ein Mensch, zu welchem man sich der Tat wohl versehen kann. Er ist als Wilddieb berüchtigt, und auch schon früher, und zwar im Jahre 1840 wegen großen gemeinen Diebstahls zu 6 Monaten Zuchthaus und im Jahre 1844 wegen Fälschung zu 3 Monaten Zuchthaus, verurteilt worden. Nach dem Zeugnisse des Pfarrers Schade zu Rädel wurde er allgemein als der Anstifter und Leiter verbrecherischer Unternehmungen angesehen und steht in so schlechtem Rufe, dass nach dem einige Wochen vor der Ermordung der verehelichten Solle erfolgten Tode seiner Ehefrau, welche er oft gröblich misshandelt hatte, der Verdacht rege wurde: Wiedecke möchte dieselbe ums Leben gebracht haben.

6. Hierzu kommt, dass Motive vorhanden waren, welche einen sittlich so tief gesunkenen Menschen, wie den Angeklagten Wiedecke, zur Verübung des Verbrechens wohl bestimmen konnten.

In dieser Beziehung ist durch die Untersuchung zuvörderst festgestellt worden, dass der Angeschuldigte die Solle nicht aus Feindschaft oder Hass gegen dieselbe, getötet hat; denn die Verstorbene wird von ihren nächsten Angehörigen und Bekannten als eine Frau geschildert, welche bei ihrer sanften Gemütsart keinen Feind gehabt habe. Auch war sie vor der Zeit der Tat, so viel erhellt, dem Wiedecke völlig unbekannt gewesen. Ebenso wenig lässt sich ferner annehmen, dass Wiedecke die Verübung eines Diebstahls oder einer anderen strafbaren Handlung im Solleschen Wohnhaufe beabsichtigt und die verehelichte Solle nur zu dem Zwecke getötet habe, um an der Ausführung seines Unternehmens durch sie nicht verhindert zu werden, denn es steht fest, dass der Angeklagte weder vor oder bei der Begehung des Verbrechens noch nachher in das Sollesche Wohnhaus eingedrungen ,st. Überdies hätte er, wenn seine Hauptabsicht auf die Verübung einer anderweiten strafbaren Handlung gerichtet gewesen wäre, sich unzweifelhaft nicht einer Schusswaffe bedient, um die Solle zu töten, da er erwarten musste, dass der Schuss die übrigen Bewohner des Solleschen Wohnhauses und die Nachbarn aus dem Schlafe wecken, und dass durch die Dazwischenkunft dieser Personen die Ausführung seines verbrecherischen Unternehmens vereitelt werden würde.

Indessen hat der Angeklagte selbst, kurz vor der Zeit der Tat, über den Beweggrund seiner Handlungsweise in einem Gespräche, welches er mit den Arbeitsmann Stützerschen Eheleuten führte, Andeutungen gemacht. Im Anfange des April v. J. äußerte er nämlich eines Tages in etwas angetrunkenem Zustande zu den genannten Personen:

„er möchte gern wieder Heiraten, ob die Stützerschen Eheleute ihm nicht eine Frau vorschlagen könnten? Ob sie ihm nicht ihre Tochter zur Frau geben und 40 Rthlr. borgen wollten? Er trage zwar einen schlechten Rock, er könne sich aber einen Neien kaufen und auch eine Neie Bettstelle; die alte wolle er dann seinem Sohne geben. " Die Stützerschen Eheleute schlugen dem Angeklagten sein Verlangen ab, Dieser sagte sodann:

„Es ist ein schweres Dasein, wenn es mir nicht gelingen sollte; wenn es mir aber gelingt, ist es ein gutes Dasein. Aber wehe, wenn es mir nicht gelingt, und wehe für denjenigen, der Schuld an mir ist; dann ist kein gutes Dasein." Als die Stützerschen Eheleute, welchen diese Worte auffielen, dem Wiedecke sagten, dass sie ihn nicht verständen, erwiderte er:

„Bald hätte ich zu viel geplaudert. Schweigt nur still und sagt nichts. " Diese Bitte wiederholte er mehrmals.

Es kann nach Lage der Sache nicht zweifelhaft erscheinen, dass die so eben mitgeteilten Äußerungen des Wiedecke, in Betreff deren er den Stützerschen Eheleuten Stillschweigen gebot, sich auf die schon damals von ihm beschlossene Ausführung des vorliegenden Verbrechens bezogen. Zugleich hat nun aber Wiedecke in jenen Worten angedeutet, dass er zu seinem strafbaren Vorhabe» durch einen Anderen bestimmt worden sei. Er hat zwar weder den Namen des Anderen genannt, noch über die Art der Mitschuld desselben sich näher ausgelassen; nach dem Inhalt der Verhandlungen ist jedoch die Annahme unabweislich, dass er sich vom Ehemanne der Getöteten durch Geldgeschenke und Versprechungen hat zur Tat verleiten lassen.

Wiedecke lebte früher in großer Armut. Im Winter war sein Verdienst stets so gering, dass er von demselben die notwendigsten Lebensbedürfnisse nicht bestreiten konnte und Schulden machen musste. So kaufte er kurz nach Weihnachten 1854 vom Mühlenmeister Schneider in Rädel einen Scheffel Mehl für 2 Rthlr. 16 Sgr., konnte aber das Kaufgeld nicht bezahlen und sah sich genötigt, dem Schneider, um von demselben die Verabfolgung des Mehles zu erlangen, seine Büchse zur Sicherheit wegen des gestundeten Kaufgeldes zu verpfänden.

 

Am Ende des Februars v. J. war er mit der Bezahlung des Mietszinses für seine Wohnung seit mehr als einem Jahre im Rückstände, und als um dieselbe Zeit seine Ehefrau starb, sagte er dem Pfarrer Schade in Rädel: dass er die Gebühren ihres Begräbnisses nicht bezahlen könne, und ließ sich zur Bestreitung dieser Kosten geständlich von seiner im Gesindedienste stehenden Tochter etwa 5 Rthlr. geben. Dagegen hat er im März und im Anfang des April v. J. ungefähr 20 Rthlr. ausgegeben und öfter mit dem Besitze von Geld geprahlt. Auch sind in den angegebenen Zeiträumen bei verschiedenen Gelegenheiten Geldbeträge von mehreren Talern bei ihm bemerkt worden. In der Mitte des März 1855 bestellter bei dem Tischler Bär in Busendorf eine Bettstelle für 4 ½  Rthlr. und ließ sich am 8, oder 9, April im Laden des Handelsmannes Sinasohn zu Lehnin von dessen Ehefrau Bettdecken im Werte von etwa 5 Rthlr. zum Kaufe vorlegen. Als der hierbei anwesende Sinasohn seiner Frau bemerklich machte, dass Wiedecke ja doch kein Geld habe, um die Decken zu bezahlen, sagte dieser:

„ja, ich kann die Bettdecken doch bezahlen; ich bekomme in den letzten Tagen der Woche Geld, und dann werde ich die Bettdecken holen, es müssen aber dann auch noch Franzen daran sein." Die Zahlungsmittel, deren Besitz dem Wiedecke nachgewiesen ist, waren zum Teil Zweitalerstücke. Aus eben solchen Münzen bestand größtenteils auch die Barschaft von 70 bis 80 Rthlrn., welche der Angeklagte Solle, als er am 14, April v. J. verhaftet wurde, seinem Schwiegervater, dem Schulzen Willmann zu Claistow, übergab.

Wiedecke hat über den Erwerb der von ihm in den letzten Wochen vor der Zeit der Tat ausgegebenen, für seine Verhältnisse sehr bedeutenden Geldsummen keine Aufklärung zu geben vermocht, und bei seiner ersten gerichtlichen Vernehmung über diesen Gegenstand sich sehr bestürzt gezeigt. Später, als ihm bereits die Anklage bekannt gemacht worden war, hat er zwar über den Verdienst, welchen er im Sommer 1854 gehabt, unter Berufung auf Zeugen, nähere Angaben gemacht, um den aus dem Besitze der gedachten Geldmittel gegen ihn herzuleitenden Verdachtsgrund zu entkräften; allein bei der mündlichen Verhandlung der Sache, hat er auf die Vernehmung der von ihm vorgeschlagenen Zeugen, deren Vorladung erfolgt war, ausdrücklich verzichtet.

II. Die Annahme der Geschworenen: dass der Angeklagte Solle den Wiedecke zur Begehung der Tat durch Geschenke und Versprechungen angereizt, verleitet und bestimmt hat, wird, außer durch den Umstand, dass sowohl die von dem Wiedecke kurz vor der Zeit des Verbrechens ausgegebenen Geldbeträge, als auch die von dem Solle bei seiner Verhaftung besessene Barschaft zum Teil in Zweitalerstücken bestanden, noch durch folgende Momente unterstützt:

1. Der Mühlenmeister Solle, welcher 30 Jahre alt, evangelischer Konfession, Landwehrmann und noch nicht bestraft ist, hat in den letzten Wochen vor der Ermordung seiner Ehefrau mit dem Angeklagten Wiedecke mehrfach verkehrt. Beide Jnkulpaten haben diese Tatsache nicht durchaus in Abrede zu stellen vermocht; jedoch sind sie in ihren desfallsigen Angaben der Wahrheit offenbar nicht treu geblieben.

Solle hielt in seinem ersten gerichtlichen Verhöre am 14. April Anfangs mit seinen Erklärungen über seinen Umgang mit dem Wiedecke auffallend zurück, indem er behauptete:

„er habe denselben nur einmal beim Schneidermeister Neie in Busendorf — einem kaum ¼  Meile von Canin entfernten Dorfe — sonst aber niemals gesehen."

Auf weiteres Befragen gab jedoch Solle an:

„er habe den Wiedecke zuerst, ohne ihn auch nur namentlich zu kennen, um Weihnachten 1854 beim Schneidermeister Neie, und nachher noch mehrfach bei dem Neie gesehen. Nur einmal, etwa drei Wochen vor dem Tode seiner Ehefrau, sei er mit Neie in der Wohnung des Wiedecke gewesen, an anderen Orten aber niemals mit Letzterem zusammen gekommen." Bei diesen Erklärungen verblieb Solle in einem späteren Verhöre am 7. Juni v. I, indem er noch in Betreff des von ihm angeführten Umstandes: dass er mit dem Neie einmal in der Wohnung des Wiedecke gewesen sei, bemerkte:

„er sei damals mit Neie auf dessen Veranlassung zu Wiedecke gegangen, indem Neie bei Wiedecke etwas zu tun gehabt und ihm, Solle, um seine Begleitung nach Rädel gebeten habe. Als er bei einer anderen Gelegenheit mit Neie bei Wiedecke gewesen sei, um Buchsbaum zu erhandeln, habe er die Stube des Wiedecke nicht betreten." Zugleich erklärte Solle: „er habe den Wiedecke namentlich am Dienstag, den 1l. April, bei dem Neie gesehen. Bei dieser Gelegenheit habe er auch den Neie gefragt: ob er noch in derselben Woche mit ihm einmal nach Potsdam oder Berlin fahren wolle? Demnächst feien sie alle drei den Weg nach Lehnin gegangen. Unterwegs sei er bis dahin, wo Wiedecke ihn und den Neie verlassen habe, keinen Augenblick mit dem Wiedecke allein gewesen." Zum Teil abweichend von diesen Auslassungen gab Solle bei der mündlichen Verhandlung der Sache an:

„bei seinem Zusammentreffen mit dem Wiedecke in der Wohnung des Schneidermeisters Neie am 10. April v. I. habe er mit Niemandem von seiner Reise nach Berlin gesprochen. Nur Neie habe geäußert, dass sein Bruder am folgenden Tage nach Potsdam fahren werde, und habe ihn, den Solle, gefragt: ob er nicht mitfahren wolle? Bei diesem Gespräche sei Wiedecke nicht zugegen gewesen. Später habe er mit Wiedecke und Neie die Wohnung des Letzteren verlassen und sei unterwegs, in der Abwesenheit des Neie, mit dem Wiedecke ein Paar Minuten lang allein geblieben."

Andererseits hat der Angeklagte Wiedecke über seinen Umgang mit dem Solle in der Voruntersuchung angegeben:

„er habe den Solle durch den Schneidermeister Neie kennen gelernt und sei mit demselben überhaupt nur dreimal zusammengetroffen. Das erste Mal habe er den Solle um die Mitte des März v. I, bei dem Neie gesehen. Sodann sei Solle in der Begleitung des Neie am Ende des März oder Anfangs April 1855 zu ihm gekommen, um sich vom ihm Buchsbaum von Rädel nach Canin fahren zu lassen. Zum letzten Male habe er den Solle am 10. April 1855 bei dem Neie gesehen. Solle sei dorthin gekommen, um mit Neie eine Reise nach Lehnin zu verabreden. Bei dieser Gelegenheit habe Solle noch einmal Buchsbaum bei ihm, dem Wiedecke, bestellt. Sie seien alle drei zusammen von dem Neie fortgegangen. Unterwegs habe Letzterer sich zu Arbeitsleuten, welche für ihn mit dem Sprengen von Steinen beschäftigt waren, begeben, und sich dort etwa fünf Minuten lang aufgehalten. Während dieser Zeit sei er, Wiedecke, mit dem Solle allein gewesen. Er habe nicht gehört, was Solle mit dem Neie bei dem in Rede stehenden Zusammentreffen gesprochen, namentlich ob Solle zu dem Neie gesagt habe, dass er noch in derselben Woche nach Potsdam oder Berlin reisen wolle." In ähnlicher Weise ließ sich Wiedecke auch bei der mündlichen Verhandlung der Sache aus; er gestand jedoch zu, am 10. April v. J., als er mit Solle und Neie zusammen gewesen sei, gehört zu haben, dass Solle den Neie aufforderte, mit ihm nach Potsdam zu reisen.

Durch die Beweisaufnahme, und zwar vornehmlich durch das eidliche Zeugnis; des Schneidermeisters Neie, mit welchem der Angeklagte Solle schon seit einigen Jahren freundschaftlichen Umgang gepflogen hatte, ist nun Folgendes ermittelt worden:

Am Ende des Februar 1855 forderte Solle den Neie, mit welchem er, um Getreide zu kaufen, nach Rädel gegangen war, auf, mit ihm den Wiedecke zu besuchen, indem er bemerkte, dass dieser ein alter Wilddieb sei und gute Gewehre haben möge. Solle kannte damals, wie er äußerte, den Wiedecke erst seit kurzer Zeit. Neie begab sich hierauf mit Solle zu dem Wiedecke, an welchen Solle die Frage richtete: ob er ein gutes Gewehr habe? Wiedecke holte sogleich aus seiner Kammer eine alte, einläufige, mit einem Perkussionsschloss versehene Flinte hervor. Solle aber erklärte: „dass sei kein Gewehr für ihn!" und erzählte dem Wiedecke, dass er eine Jagd habe. Zugleich forderte er denselben auf, nach seinem Reviere zu kommen, wenn er einmal zutreiben wolle. Diese Aufforderung des Solle fiel dem Neie auf; auch sprach derselbe zu dem Solle seine Verwunderung darüber aus; allein Solle gab ihm hierauf keine Antwort.

 

Einige Wochen später war Solle mit Neie noch zweimal in der Wohnung des Wicdecke, das zweite Mal zu dem Zwecke, um durch einen der Söhne des Wiedecke Buchsbaum, welchen Solle in Rädel gekauft hatte, nach Canin bringen zu lassen. Bei dieser letzteren Gelegenheit ging Wiedecke auf der Strecke von Rädel nach Busendorf mit Solle und Neie eine Stück Weges zusammen, diese Beiden trennten sich jedoch bald von ihm, weil sie seines schlechten Rufes wegen in seiner Gesellschaft nicht gesehen werden wollten.

Außerdem sind Solle und Wiedecke noch mehrmals an anderen Orten zusammengetroffen. So gingen sie im Anfang des März v. J. eines Abends, als es schon dunkel war, von dem Neie zusammen allein fort. Um dieselbe Zeit suchte eines Tages Wiedecke den Neie auf dem Felde auf. Bei dieser Gelegenheit kam Solle dazu und forderte den Neie auf: ihn nach Lehnin zu begleiten. Hierzu erklärte Neie sich bereit und ging in seine Wohnung, um sein Schuhzeug zu wechseln. Als er wieder zurückkam, bemerkte er, dass Solle und Wiedecke sich von dem Punkte, auf welchem er mit ihnen zusammengetroffen war, etwa um 500 Schritte entfernt hatten, Neie holte sie jedoch bald ein. Nachdem hierauf alle drei eine Strecke weit zusammen gegangen waren, trennten sich Neie und Solle von dem Wiedecke, um nicht in seiner Begleitung gesehen zu werden.

Auch in der Nacht vom 9. zum 10. April schienen beide Angeklagte eine Zusammenkunft gehabt zu haben. Solle befand sich am Abende des 9, April bei seinem Schwiegervater, dem Schulzen Willmann, im Kruge zu Cleistow und tanzte dort. Erst nach 1 Uhr Nachts verließ er das Lokal mit dem Schneidermeister Neie, welcher ihn bis an sein Gehöft in Canin begleitete. Solle behauptet nun zwar, dass er hierauf an sein Haus geklopft und sodann in dasselbe eingetreten sei; auch bekundet der Zeuge Neie:

„er habe gehört, dass Solle bei seinem Hause angelangt, seine Ehefrau gerufen und dass diese ihm geantwortet habe;" gleichwohl aber ist die Möglichkeit vorhanden, dass Solle in jener Nacht sein Haus nicht betreten hat, denn Neie erklärt ausdrücklich:

„er habe nicht gesehen, dass Solle, nachdem diesem seine Ehefrau auf seinen Ruf geantwortet, in seine Wohnung eingetreten sei." Was den Angeschuldigten Wiedecke betrifft, so hat derselbe angegeben: „er sei in der Nacht vom 9. zum 10. April zu Hause gewesen und am Morgen des 10. April etwa um 4 Uhr von Rädel über Busendorf nach Canin gegangen, um mit der in Canin wohnenden Witwe Tabbert wegen der Heirat seines Sohnes, des Maurergesellen August Wiedecke, mit deren Tochter Rücksprache zu nehmen. Er sei zu so früher Stunde nach Canin gegangen, weil er gefürchtet habe, die Tabbert sonst nicht zu treffen."

Es läßt sich jedoch nicht bezweifeln, dass Wiedecke seine Abwesenheit von Hause in der Nacht vom 9. zum 10. April mit Unrecht in Abrede gestellt hat, denn zwei seiner Hausgenossen, nämlich sein vorher genannter Sohn, Vornamens August, und dessen Braut, die unverehelichte Tabbert, bekunden übereinstimmend, dass Wiedecke in der fraglichen Nacht nicht in seiner Wohnung gewesen sei. Allerdings ist er am Morgen des 10. April kurz nach 4 Uhr bei einem unfern von Busendorf belegenen Backofen, an welchem kein Verbindungsweg vorüberführt, mit der Reinigung seiner Kleider beschäftigt gesehen worden, und als er an demselben Morgen etwa um 5 ½  Uhr zur Witwe Tabbert in Canin kam, schien er sehr müde zu sein, klagte über Kopfschmerzen, legte sich auf die Ofenbank und schlief demnächst mehrere Stunden. Auf die Frage der Tabbert:

„was er so früh wolle?" antwortete er:

„er komme von Lehnin und gehe nach Cleistow, um dort Borsten zu holen;"

nachher widerrief er aber diese Angabe, indem er sagte:

„er sei schon in Cleistow gewesen und wolle nach Hause gehen."

Zwischen 9 und 10 Uhr Vormittags entfernte sich der Angeklagte aus der Wohnung der Witwe Tabbert und ging nach Busendorf. Hier begab er sich zu dem Schneidermeister Neie, und nahm mit diesem wegen einer Weste, welche er von ihm kaufen wollte, Rücksprache. Bald nachdem Wiedecke die Neiesche Wohnung betreten hatte, kam auch Solle dorthin, um mit Neie nach Lehnin zu gehen.

Die weiteren Vorgänge stellte Neie bei seiner Vernehmung in der Voruntersuchung folgendermaßen dar:

Solle fragte den Neie in der Gegenwart des Wiedecke, so dass dieser es hören konnte:

„ob er in derselben Woche noch einmal mit ihm nach Potsdam oder Berlin reisen wolle?"

Solle fügte hinzu, dass er, wenn Neie mit ihm reise, an einem Tage fertig werden könne, während er im entgegen gesetzten Falle genötigt sein möchte, über Nacht fortzubleiben. Den Tag der Reise bestimmte er nicht näher. Neie lehnte es ab, den Solle zu begleiten, und ging daraus mit diesem und mit Wiedecke auf dem Wege nach Rädel eine Strecke weit zusammen. Sodann begab er sich zu Fuhrleuten, welche auf dem Felde mit dem Abfahren von Steinen in seinem Auftrage beschäftigt waren, und ließ Wiedecke und Solle allein weiter gehen. Nach ungefähr fünf Minuten holte er sie wieder ein. Einige Zeit nachher trennte sich Wiedecke von seinen beiden Begleitern, welche nunmehr den Weg nach Lehnin allein fortsetzten. Als sie am Abende desselben Tages von dort zurückkehrten, forderte Solle den Neie nochmals auf, ihn nach Potsdam zu begleiten, und zwar am folgenden Tage — den 11. April — indem er ihm anbot, auch noch bis zum 12. April zu warten, falls er, Neie, erst an diesem Tage mit ihm reisen könnte. Neie lehnte indeß auch jetzt die Aufforderung des Solle ab.

In ähnlicher Weise hat der Zeuge Neie auch bei der mündlichen Verhandlung der Sache sich über sein Zusammentreffen mit den beiden Angeklagten am 10. April ausgelassen; abweichend von seinen früheren Anführungen erklärte er indes:

„Solle habe an dem in Rede stehenden Tage in seiner, des Neie Wohnung erwähnt, dass er am Tage darauf nach Berlin reisen wolle. Als er, Neie, auf die Aufforderung des Solle: ihn zu begleiten, dies abgelehnt, habe Solle in der Gegenwart des Wiedecke so laut, dass dieser es hören musste, gesagt: „dann werde er eine Nacht wegbleiben."

Die Untersuchungsakten geben keinen Aufschluss über die Gründe, durch welche der Zeuge Neie veranlasst worden ist, bei seiner Vernehmung vor den Geschworenen zum Teil andere Angaben, als vor dem Untersuchungsrichter zu machen; indessen schien es näherer Ermittelungen über den Grund der gedachten Abweichungen nicht zu bedürfen, da, auch wenn man sich an die für die Angeklagten günstigere erste Deposition des Neie hält, die Annahme nahe liegt, dass Solle den Wiedecke in den fünf Minuten, während welcher sie von Neie allein gelassen waren, seine Absicht: in der Nacht vom 11. zum 12. April nicht zu Hause zu sein, mitgeteilt und mit demselben über die Ausführung des Verbrechens eine letzte bestimmte Verabredung getroffen hat.

2. Der Angeklagte Solle wird ferner durch seine Abwesenheit von Canin in der so eben erwähnten Nacht — der Nacht der Tat — sowie durch sein Benehmen kurz vor und nach der Verübung des Verbrechens dringend verdächtigt.

Am 10. April erkundigte sich Solle bei dem Krüger Neie in Canin, einem Bruder des Schneidermeisters Neie in Busendorf, ob er nicht am nächstfolgenden Tage nach Potsdam fahre und ihn mitnehmen könne?

Nachdem Neie diese Fragen bejaht hatte, verabredeten Beide, dass sie am nächsten Morgen um 5 Uhr von Canin fortfahren wollten. Solle fand sich zur festgesetzten Stunde bei Neie ein; Letzterer war jedoch mit den Vorbereitungen zur Reise noch nicht fertig. Solle ging deshalb bis nach Cleistow voran, von wo ihn der Krüger Neie bald nachher abholte. Sie fuhren bis nach Cammerode zusammen. Unterwegs erzählte Solle dem Neie, das er nach Berlin reisen und sich Stöcke aus der Eisengießerei holen wolle. Er wisse nicht, wann er zurückkommen werde; wenn es ihm zu spät werden sollte, bleibe er die Nacht in Potsdam.

Von Cammerode aus fuhr Solle auf einem anderen Wagen nach Potsdam und sodann auf der Eisenbahn nach Berlin. Hier begab er sich, seiner Behauptung nach, zunächst zu einem Rechtsanwalt, um mit diesem über eine Prozessangelegenheit sich zu besprechen, und holte sodann bei dem Eisengießerei-Amte 10 eiserne Stöcke ab, welche sein Geselle Kalmbach im Januar v. J. bestellt hatte.

Der Angeklagte hat vor Gericht behauptet, dass die Abholung der gedachten Eisenstöcke gerade zu der in Rede stehenden Zeit notwendig gewesen sei, „ weil er denn der Geselle des Angeklagten, Kalmbach, hat ausgesagt:

„im April 1855 seien in der Mühle des Solle eiserne Stöcke noch auf etwa ¼  Jahre vorrätig gewesen, Übrigens habe weder er, noch Solle, eine Nachricht davon, dass die bestellten Stöcke fertig waren, erhalten gehabt."

Um fünf Uhr am Nachmittage des 11. April fuhr Solle auf der Eisenbahn von Berlin nach Potsdam zurück. Unterwegs traf er den Schlächtermeister Mendt aus Lehnin, welcher ihn oberflächlich kannte, Mendt erinnerte sich, als er den Solle sah, nicht sogleich des Namens desselben und fragte ihn deshalb: „wie er heiße und woher er sei?" Solle antwortete:

„er sei aus Cleistow", verbesserte sich jedoch sogleich und sagte:

„er sei der Müller aus Canin." Mendt forderte ihn nunmehr auf, mit ihm gemeinschaftlich bis Kreutz oder Werder zu fahren und sodann mit ihm zu Fuß nach Hause zu gehen. Auf diesen Vorschlag ging Solle aber nicht ein, indem er sägte: „er habe in Potsdam noch Geschäfte und möchte dann wohl die Nacht daselbst bleiben, übrigens gehe er des Abends nicht gern," Solle war während der Fahrt nach Potsdam still und nahm an Unterhaltungen nicht weiter Teil,

In Potsdam blieb er über Nacht, Hierzu wurde er, wie er behauptet, durch die eintretende Dunkelheit, sowie dadurch veranlasst, dass es regnete, und dass er den Krüger Neie aus Canin nicht mehr in Potsdam antraf. Die fernere Angabe des Solle:

„der Krüger Neie habe ihm versprochen gehabt, auf ihn in Potsdam zu warten, wenn es nicht zu spät würde", ist von dem Neie als unrichtig bezeichnet worden.

Solle verließ Potsdam am darauf folgenden Tage, den 12. April, zu Fuß, und zwar seiner anfänglichen Angabe nach erst gegen 12 Uhr Mittags, Bei seiner Vernehmung vor den Geschworenen behauptete er aber: „er sei schon zwischen 10 und 11 Uhr Vormittags von Potsdam fortgegangen. Wenn er früher gesagt habe: er habe Potsdam erst gegen 12 Uhr Mittags verlassen, so sei dies falsch; er möge sich damals auf die richtige Zeit nicht haben besinnen können." Ungefähr eine Stunde vor Claistow begegnete ihm zwischen 1 und 2 Uhr

Nachmittags der Handelsmann Wilke aus Nickel, welchem er bekannt war, und sagte zu ihm: „er solle sich beeilen nach Hause zu kommen, es sei ein großes Unglück bei ihm passiert."

Solle erschrak hierüber wie es schien, und äußerte:  „das ist wohl nicht wahr!" worauf Wille erwiderte: „seine Frau sei sehr krank und wahrscheinlich schon tot!" Solle ging sodann einige Schritte zurück, setzte sich auf die Erde und fragte den Wilke: „was ist denn vorgefallen?" Wilke erzählte ihm nunmehr, dass seine Frau totgeschlagen und wahrscheinlich von Räubern überfallen worden sei. Solle blieb indes, anscheinend wie vom Schreck gelähmt sitzen, und als er endlich den wiederholten Aufforderungen des Wilke: seinen Weg fortzusetzen, Folge leistete, sagte er: „jetzt werde ich nicht in einer Stunde nach Hause gehen, ich werde wohl ein paar Stunden brauchen."

Zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags begegnete dem Solle einige tausend Schritt vor Cleistow der Bauer Weiß von dort. Diesen fragte Solle: „Diese Nacht sollen sie ja wohl meine Frau geschlagen haben?" Auf die Antwort des Weiß: „die Leute sagen so; sie soll auch schon tot sein!" sagte Solle: „das kann wohl nicht wahr sein!" und ging weiter.

Gegen 4 Uhr Nachmittags traf er bei seinem Schwiegervater Willmann in Cleistow ein, und sagte zu dessen Sohne Vornamens Friedrich Julius:

„Bei mir ist was Schönes passiert! Meine Frau haben sie erschlagen!

War sie denn ganz tot? Hat sie denn gar nichts gesprochen?"

Julius Willmann entgegnete ihm: dass er ihm hierüber nichts sagen könne. Solle setzte sich darauf nieder. Er erkundigte sich nicht danach, auf welche Weise die Tat verübt worden sei. Etwa 15 Minuten lang verweilte er in der Wohnung seines Schwiegervaters und entfernte sich erst, nachdem Julius Willmann ihn wiederholt aufgefordert habe, sich nach Hause zu begeben. Als er fort ging, äußerte er: „nun habe ich heute noch nichts gegessen und zu Hause bekomme ich auch nichts."

Etwa um 4 Uhr Nachmittags kam er zu Hause an. Hier richtete er zunächst an seinen Bruder, welchen er anwesend fand, einige Worte, und stürzte sodann schreiend auf den Leichnam seiner Ehefrau zu.

Noch im Laufe desselben Nachmittags wurde die Leiche in Gegenwart des Solle und der Gutsbesitzer Matthesschen Eheleute gewaschen und hierbei von Letzteren die Vermutung ausgesprochen, dass die verehelichte Solle erschossen sei. Der Angeklagte Solle sagte hierauf: „was, geschossen ist sie?" benahm sich aber dabei sehr kalt und gleichgültig.

Als er beim Tischler Bär in Canin einen Sarg für den Leichnam bestellte, sprach Bär ihm gegenüber den Verdacht aus, dass Wiedecke der Mörder sei. Hierauf antwortete Solle:

„wer weiß, ob er’s gewesen ist!" Dabei sah er, wie der Zeuge Bär sich ausdrückt, „ganz starr." Bei seiner Verhaftung durch den Gendarm Giesel, erschien er diesem so gleichgültig, dass derselbe sogleich Verdacht gegen ihn schöpfte. Ebenso kalt zeigte er sich auch bei der gerichtlichen Leichensektion, bei welcher er sich vergeblich bemühte, Tränen zu vergießen. Gleichwohl aber konnte er sich in den Obduktions-Terminen eines merklichen Zitterns nicht erwehren. Nach diesem Termine hat der Untersuchungsrichter über das Benehmen des Solle Folgendes zu den Akten registriert: „Solle wurde am 13. April vor der Obduktion zur Leiche seiner Frau geführt. Er zeigte auffallend geringe Bewegung, und auch diese trug das Gepräge von Erzwungenheit. Die Teilnahmslosigkeit des Solle dokumentierte sich auch darin, dass er während der Obduktion längere Zeit in der Tür des Zimmers stand und jene ohne sichtliche Bewegung mit ansah."

3. Gegen den Solle kommt ferner in Betracht, dass die Untersuchung keinen Umstand ergeben hat, aus welchem der Verdacht hergeleitet werden könnte, dass irgendein Anderer als der Solle der Anstifter des Verbrechens gewesen sei.

4. Außerdem muss es auffallend erscheinen, dass, während die nächsten Angehörigen und Bekannten der verehelichten Solle sogleich nach deren Ermordung den Wiedecke der Tat für verdächtig hielten, Solle im Laufe der Voruntersuchung mehrmals erklärt hat: „er habe in Betreff der Person des Täters keine Vermutung und hege namentlich gegen Wiedecke keinen Verdacht."

Ebenso gab er bei seiner Vernehmung vor den Geschworenen an: „er wisse auch jetzt noch nicht, was er von der Sache denken, und oder den Wiedecke für verdächtig halten solle,"

5. Als das Motiv der Handlungsweise des Angeklagten Solle ist die Habsucht zu betrachten.

Die Verstorbene war früher mit dem Mühlenbesitzer Aulich in Canin verheiratet. Diese sehr glückliche Ehe wurde im April 1847 durch den Tod des Mannes getrennt. Die Witwe schloss hierauf im Januar 1848 mir dem Angeklagten Solle ihrem damaligen Gesellen, welcher vier Jahr jünger war, als sie, eine zweite Ehe. Dieselbe war im Allgemeinen nicht glücklich. Die Hauptveranlassung des häuslichen Unfriedens scheint das Verhalten des Solle gewesen zu sein. Dieser führte zwar keineswegs einen geradezu lasterhaften Lebenswandel; indessen war sein Betragen von der Art, dass er sich nach dem Zeugnisse des Pfarrers Heyse zu Bliesendorf bei keinem ehrenwerten Mitgliede der Gemeinde Canin Vertrauen und Achtung erworben hatte. Einer seiner Nachbarn, der Gutsbesitzer Matthes, nennt ihn einen Mann ohne alle Religion, Solle galt für jähzornig, rachsüchtig und schadenfroh, und zeigte sich in der Durchführung selbstsüchtiger Pläne beharrlich. Er war darauf bedacht, sein Vermögen zu vergrößern, dabei aber einer angestrengten Tätigkeit abhold; auch scheute er seiner Sparsamkeit ungeachtet, diejenigen Ausgaben nicht, welche zur Befriedigung seiner eigenen Neigungen dienten. Sein Gewerbe als Müller betrieb er mit Hülfe eines Gesellen, dessen Tätigkeit er beaufsichtigte; er war jedoch vielfach vom Hause abwesend, schweifte oft zwecklos in der Umgegend umher und besuchte häufig die Krüge der benachbarten Dörfer.

 

Die verehelichte Solle dagegen war eine stille, häusliche und sparsame Frau. Sie tadelte ihren Ehemann oft wegen seiner Vergnügungssucht, und erfuhr ihrerseits von ihm nicht selten Vorwürfe darüber, dass sie bei der Erziehung ihrer beiden Kinder erster Ehe eine seiner Ansicht nach zu große Milde übte. So entstanden zwischen den Eheleuten, namentlich in den ersten Jahren ihrer Ehe, mitunter Zwistigkeiten, und die verehelichte Solle führte ihrem Vater und ihren Brüdern gegenüber mehrfach Klage über schlechte Behandlung, welche sie Seitens ihres Ehemannes zu erleiden habe. Auch äußerte sie wohl, dass es ihr leid sei, den Solle geheiratet zu haben, ES kam zwischen den Eheleuten sogar zu gerichtlichen Scheidungsverhandlungen.

In den letzten Zeiten der Ehe ließ die Solle nicht mehr so oft als früher, Klagen über ihren Ehemann laut werden. Auf die Frage, wie es ihr gehe? antwortete sie in der Regel:

„es geht ja" auch sagte sie wohl: „jetzt sei sie zufrieden", und erklärte der ihr bekannten unverehelichten Kritzinger gegenüber sogar: „sie habe in den letztverflossenen Jahren mit dem Solle glücklich gelebt." Allein eine Änderung des häuslichen Verhältnisses war in der Tat nicht eingetreten; vielmehr äußerte die verehelichte Solle in einem Gespräche, welches sie mit der verehelichten Müller Heinze, einer Schwester ihres ersten Ehemannes, über ihr eheliches Verhältnis führte, auf den Rath der Heinze, ihre Lage doch ihrem Vater vorzustellen: „sie wolle diesem nicht das Herz schwer machen und ihre Leiden allein tragen."

Noch etwa 14 Tage vor ihrem Tode bat die Solle den Lehrer Lauth aus Canin, ihrem Ehemanne von dem Bau einer Kegelbahn, welchen er beabsichtigte, abzuraten, indem sie hinzufügte, dass Solle auf ihn am ersten hören werde. Als Lauth ihr entgegnete, dass ihr Ehemann doch wohl auf sie hören werde, sagte sie:

„ach Gott! ich darf ihm gar nichts sagen, dann tut er erst recht was er sich vorgenommen hat, und man wird sich doch nicht immer das alte Fell vollschlagen lassen!"

Lauth antwortete ihr:  „ihr Ehemann werde doch das nicht tun!" worauf die Solle erwiderte:

„ach! Sie sollten es nur wissen, wie ich mich mitunter muss behandeln lassen!"

Im Charakter des Angeklagten Solle war der Zug der Habsucht schon früher bei mehreren Gelegenheiten hervorgetreten.

Die verehelichte Solle hatte ihrem ersten Ehemanne Aulich 1000 Rthlr. in die Ehe eingebracht. Nach dem Tode desselben erhielt sie von ihrem Vater noch 20« Rthlr. zur Abfindung ihrer Kinder. Bei der Teilung des Aulichschen Nachlasses, bei welcher sie ihr Vermögen einwarf, fielen auf sie 3741 Rthlr. Für diese Summa nahm sie das Aulichsche Grundstück mit der Mühle und einige ausstehende Forderungen an. Schon damals suchte Solle, welcher ein Vermögen von 1200 Rthlrn. besaß, seine Ehefrau dazu zu bestimmen, ihm ihre Mühle und die Wirtschaft zu verschreiben; auf den Rath ihres Vaters ging sie jedoch hierauf nicht ein. Als im Jahre 1848 die Mühle abbrannte, lenkte sich der Verdacht der vorsätzlichen Brandstiftung auf den Angeklagten. Dieser verwendete nach dem Brande die seiner Ehefrau gehörigen Versicherungsgelder im Betrage von 700 Rthlrn. Teils zu Wirtschaftszwecken, Teils zur Bezahlung von Prozesskosten, welche wegen der Mühle entstanden waren, erbaute darauf aus eigen Mitteln eine neue Mühle auf einem von ihm für 25 Rthlr. erkauften Grundstücke und ließ bei Letzterem den Besitztitel für sich eintragen.

Ferner kaufte er eine Wiese für 115 Rthlr., bezahlte den Kaufpreis mit dem Gelde seiner Ehefrau und beantragte die Berichtigung des Besitztitels auf seinen Namen.

Im Mai 1854 war ihm von der Regierung zu Potsdam der Konsens zur Errichtung einer neuen Bockwindmühle erteilt worden, welche er in Busendorf zu bauen beabsichtigte, um die Konkurrenz zu beseitigen, die ihm durch den Bau einer solchen Mühle von einem Anderen hätte bereitet werden können. Auch hatte er im Anfange des vorigen Jahres mit dem Schulzen Petzer in Busendorf wegen des Ankaufs eines Bauplatzes für 80 Rthlr. Unterhandlungen gepflogen und bereits Bausteine daselbst anfahren lassen.

Unter diesen Umständen ist es erklärlich, dass dem Solle der Tod seiner Ehefrau wünschenswert!) erscheinen musste, denn er durfte hoffen, durch die Beerbung der Letzteren, welche ein größeres Vermögen besaß als er, sich zu bereichern. Außerdem mochte er die Absicht hegen, nach ihrem Tode mit deren Schwester, der damals unverehelichten Juliane Willmann, jetzt verehelichten Ackerbürger Lehmann, sich zu verheiraten. Diese hatte er am Ende des Februars v. J. zur Vollziehung des Beischlafs mit ihm verführt. Als sie ihn Anfangs April vorigen Jahres von ihrer Schwangerschaft in Kenntnis setzte, antwortete er ihr, dass er ihr Einen bringen werde, der sie Heiraten solle.

III. 1. Diese Auffassung in Betreff des Motivs der Tat bei dem Solle wird ebenso wie die Annahme, dass Wiedecke die verehelichte Solle getötet hat, und dass der Angeklagte Solle der Anstifter des Verbrechens gewesen ist, durch die eidlichen Angaben des früheren Gastwirts Giese unterstützt, welcher im Laufe des vorigen Jahres sich zu Brandenburg wegen Bankrotts in gerichtlicher Untersuchungshaft befunden, und zunächst mit dem Wiedecke, sodann mit dem Solle in einer und derselben Zelle zusammen gesessen hat.

Die ersten Mitteilungen machte Wiedecke dem Giese schon in der ersten Nacht nach seiner am 14. April erfolgten Einlieferung in das Gefängnis.

Nachdem Giese, um das Vertrauen des Wiedecke zu gewinnen, vorgegeben hatte, gleichfalls eines schweren Verbrechens schuldig zu sein, sagte Wiedecke zu ihm: „er sei nun schon so oft fort gewesen und meist gut davon gekommen, denn sie hätten nie etwas von ihm herausgekriegt, aber diesmal sei ihm bange."

Giese antwortete: „er müsse leugnen, weil es sich um den Kopf handle."

Hierauf äußerte Wiedecke:

„das wolle er wohl, wenn nur sein Sohn August schwiege, der sei gerade der Gutmütigste. Derselbe arbeite im Torfstich zu Ritz, und als erl. der Angeklagte, dort vorüber transportiert worden sei, habe er die Transporteure überredet, ihn zu seinem Sohne gehen zu lassen, um Abschied von ihm zu nehmen und einen Rock zu wechseln"

Er sei dann herangegangen und habe dem August nur zugerufen:

„Junge, rette deinen Vater, diesmal ist es schlimm, bringe die Gewehre weg!""

Einige Zeit nachher fragte Wiedecke den Giese: „ob er darüber nicht in Verlegenheit kommen könne, dass er vor vier Wochen mehr Geld als sonst, in Talerstücken gehabt habe? Er habe 14 Tage vor Marien 6 Rthlr. Miete bezahlt, während er sonst die Miete immer lange schuldig geblieben sei."

Giese erteilte ihm hierauf den Rath, vor Gericht anzugeben, dass er das Geld von seinem Verdienste erspart habe. Auf die Frage des Giese: „ob er öfter mit dem Müller zusammengekommen sei?" erwiderte Wiedecke:

„ja! aber ohne dass es die Leute wussten, nur beim Schneider. Dann habe ihn der Schneider mit seinem Sohne einmal abgeholt und er, der Angeklagte, habe Buchsbaum besorgen müssen. Dies sei vor vier Wochen gewesen. Er sei nicht mit hinüber gewesen nach Canin, sondern er sei nach Busendorf gegangen."

„Er sei öfter in Canin in der Nähe der Solleschen Wohnung bei der Schwiegermutter seines Sohnes gewesen." Als Giese ihn hierauf fragte: „Dann sei er auch wohl auf dem Solleschen Gehöfte gewesen?" rief er aus:

„J! wie werde ich denn das sagen!"

Sodann sprach er die Meinung aus, dass auch der Müller und der Schneider verhaftet werden würden, und fuhr fort:

„der Schneider wisse ja Alles, was der Müller in seinem Leben getan habe, und der Schneider habe ihn oft hingeholt, wenn der Müller da gewesen sei. Der Müller habe nicht nur unglücklich mit seiner Frau gelebt, sondern auch den Kindern erster Ehe herauszahlen und den Busendorfern eine Mühle bauen sollen. Er sei jetzt sehr in der Klemme und habe seine Frau um die Ecke bringen lassen. Die Geschichte sei gerade um ½ 12 Uhr passiert, vom Hofe aus, und Matthes seien gerannt gekommen. Sie habe höllisch eines gekriegt. Sie sei mit dem Lichte in die Tür getreten und habe zu Bett gehen wollen. Da sei ihr die Lampe aus der Hand gefallen und sie sei zu Boden gestürzt. Die Kinder seien schon zu Bett gewesen."

Auf die Frage des Giese: ob er auch fest sei? antwortete Wiedecke:

„das könne er, Giese, sich denken, da er das ausgehakten und keine Miene verzogen habe, als man ihn an die Leiche führte. Der Staatsanwalt habe Einen quer durchgeguckt. Von ihm und dem Müller bekämen sie nichts heraus."

Als er am 15. April die Verhaftung des Solle erfahren hatte, wurde er ängstlich und bat den Giese anzufragen, ob der Schneider auch schon da sei? woraus Solle antworten ließ, dass dieser nicht verhaftet sei und auch nicht kommen werde.

Am 16. April war Wiedecke der Meinung, dass Solle wieder entlassen sei, und äußerte zu Giese: „für ihn selbst müsse es doch schlimm stehen, da er nur ad Generalia vernommen worden sei." Er war an diesem und dem darauf folgenden Tage in sich gekehrt, sprach wenig und ging mit gefalteten Händen in der Zelle auf und ab. In der Nacht vom 16. zum 17. April konnte er nicht schlafen und ließ sich von dem Giese

Etwas aus der Bibel vorlesen, darauf äußerte er indes: „das habe ihm der Staatsanwalt auch vorgehalten: es sei aber doch Alles nicht wahr."

Er fing sodann aus Verzweiflung zu pfeifen an, wiederholte seinen Vorsatz zu leugnen, und setzte hinzu: „wenn der Müller Etwas sage, werde er es diesem in die Schuhe schieben." Als Giese hierauf bemerkte: „der Müller sei ja in Potsdam gewesen" antwortete Wiedecke: „nun, das ist doch jedenfalls verabredet; er hat dort wollen Zinsen holen."

Er erzählte dem Giese ferner: „er habe zwei einfache Gewehre, welche indes in der Hand eines guten Schützen — und er sei der beste in der Gegend — nie ihren Mann verfehlten. Er habe schon am Morgen durch seinen Sohn Karl dafür gesorgt, dass die Gewehre gut untergebracht würden. Zur Sicherheit habe er seinen anderen Sohn noch von Rietz hingeschickt." Besonders am 17. April zeigte Wiedecke sich sehr niedergeschlagen. Er erklärte: dass er sich das Leben nehmen werde, bat den Giese: ihn auf irgendeine Weise zu retten, und gestand demselben unumwunden, dass er die Müllerfrau totgeschossen habe. Er sagte dabei ungefähr Folgendes:

„den Kindern kann ich nicht trauen, selbst dem August nicht, den ich noch von Rietz hingeschickt habe, um die Gewehre fortzubringen. Das Gewehr, mit welchem ich die Frau totgeschossen habe, habe ich auf meinem Gehöft am Zaun in eine Grube, die ich mit Brettern ausgeschlagen habe, gleich nach der Tat hineingelegt. Auch die Schuhe, welche meiner Schwiegertochter gehören und die ich auf dem Gange angehabt habe, liegen ebenfalls in dieser Grube." Als Giese ihm hierauf zuredete, doch nur zu gestehen, erklärte er:

„das werde er nimmermehr tun, lieber werde er sich das Leben nehmen." Die Frage des Giese: ob Mitschuldige vorhanden seien, verneinte er mit dem Bemerken:

„nur sein Sohn Karl wisse darum; übrigens habe er die Frau nicht um ½ 12, sondern um ¼ 11 Uhr des Abends erschossen."

Sodann sagte er:

„der Müller habe ihm für diese Tat 500 Rthlr. versprochen. Er habe bereits 37 bis 40 Rthlr. in verschiedenen Raten erhalten. Er sei ängstlich wegen eines Zweitalerstücks, das er seinen beiden Söhnen geschenkt habe. Diese hätten sich dafür in Lehnin Zeug zu einer Hose gekauft. Dieses Zweitalerstück habe ihm etwas sonderbar ausgesehen. Solle habe ihm übrigens für den Fall, dass Alles gut von Statten ginge, noch mehr versprochen."

„Ihre Zusammenkünfte hätten sie des Nachts im Felde oder in der Heide gehabt. Am Tage vor der Tat habe ihm Solle gesagt: „er reise nun nach Potsdam, und da möge er, Wiedecke, von 10 Uhr Abends ab aufpassen; seine Frau gehe immer um diese Zeit zu Bett.""

„Es sei verabredet gewesen, dass Solle dann am Morgen früh zurückkommen und die Spuren, welche vom Solleschen Gehöfte nach Rädel führten, verwischen sollte."

„Solle habe ihm gesagt, dass er deshalb seine Ehefrau totgeschossen zu haben wünsche, weil er dann ja Alles von ihr bekäme. Dann würde er sich die Schwester seiner Frau, welche ebenfalls Vermögen habe, heiraten. Dadurch würde er in den Stand kommen, die Busendorfer Mühle zu bauen."

Der Angeklagte Solle, welcher sich im Mai und Juni eine Zeit lang mit dem Zeugen Giese in einer und derselben Zelle befand, bat Letzteren Anfangs Mai mehrmals, einen Zettel an Wiedecke zu besorgen, bevor dieser vernommen würde. Er fügte hinzu: „er sei verloren, falls Giese seine Bitte nicht erfülle. Wenn er 15 oder 20 Jahre Zuchthaus bekäme, würde er sich lieber aufhängen. Wenn er früher gewusst hätte, dass es so kommen würde, so Hütte er sich nach seiner Verhaftung lieber totgeschossen." Demnächst beschrieb Solle zwei Zettel. Auf dem einen stellte er dasjenige, was er aussagen wollte, zusammen. Es war im allgemeinen Folgendes:

„Wiedecke habe ihm schon vor ungefähr 6 Wochen vor der Tat angeboten, für ihn gegen Bezahlung zu tun, was er wolle, und wenn er selbst einen Menschen totschießen sollte. Er habe jedoch dieses Anerbieten abgelehnt und könne daher nur glauben, dass Wiedecke ohne seinen Auftrag seine Frau totgeschossen habe." Der andere Zettel enthielt nachstehende Worte: „Lieber Wiedecke! Nimm Alles auf Dich allein. Das, was ich versprochen habe, gebe ich an Deine Kinder doppelt." Später vernichtete jedoch Solle beide Zettel, und zwar anscheinend deshalb, weil er ihre Beförderung für gefährlich hielt. Giese bemerkte, dass Solle den einen Zettel in den Mund steckte, zerkaute und aus dem Fenster warf. Sogleich nachdem Giese hiervon dem Gerichte Anzeige gemacht hatte, fand man in der unter dem Fenster der Solleschen Zelle angebrachten Dachrinne in der Tat eine aus zerkautem und noch feuchtem Papier bestehende kleine Kugel, bei deren genauer Untersuchung sich jedoch ergab, dass auf dem Papiere nicht die geringste Spur von einer etwa darauf befindlich gewesenen Bleistiftschrift zurückgeblieben war. Als Giese zu dem Solle sagte: „er möge doch gestehen; Wiedecke habe auch bereits gestanden, namentlich, dass er schon 37 bis 40 Rthlr. von ihm, dem Solle, bekommen habe," entfielen Letzterem die Worte: „was der Schurke hat ja schon viel mehr bekommen!" Auch hat er dem Giese, wie dieser am 7. Mai anzeigte, aufgetragen, sich danach zu erkundigen, ob seine, des Solle, Schwägerin, sich schon verlobt habe.

Anfangs Juni bat er den Giese, doch nichts von seinen verdächtigen Äußerungen zu verraten, indem er hinzufügte: „wenn er frei komme, habe er noch so viel Geld, dass er und Giese nach Amerika reisen könnten. Das stehe fest: Wiedecke verrate nichts, und wenn sie ihm den Riem aus dem Leibe schnitten." Außerdem legte er dem Giese gegenüber das Geständnis ab, dass er dem Wiedecke den Auftrag gegeben habe, seine Frau zu erschießen. Sie seien, so erzählte er ferner, um diesen Plan zu verabreden, nicht mehr bei dem Neie zusammengekommen, sondern in der Heide.

Solle war übrigens, nach der Angabe des Giese, im Gefängnisse oft so Verzweifelt, dass er Versuche machte, sich mittelst eines Halstuches zu erhängen; er hatte jedoch nicht den Muth, sein Vorhaben auszuführen.

Beide Angeklagte haben die Angaben des Zeugen Giese bestritten und die Glaubwürdigkeit desselben anzufechten sich bemüht. Ihre Angriffe erscheinen jedoch sämtlich verfehlt. „Zunächst hat Wiedecke behauptet: „es sei unwahr, dass er dem Giese gegenüber am 17. April v. J. irgend ein Geständnis abgelegt habe. Giese sei an dem gedachten Tage in einem gerichtlichen Termin mit dem Justizrate Kuhlmeyer zu Brandenburg zusammen gewesen, und dieser habe ihm über die Auffindung der Gewehre und der Schuhe Mitteilungen gemacht." Der Kuhlmeyer hat aber bekundet: „er habe einige Tage nach der Ermordung der verehelichten Solle den .Giese in einem Vorzimmer des Gerichtshauses anwesend gefunden und gehört, dass derselbe so eben Mitteilungen des Wiedecke über das vorliegende Verbrechen zu Protokoll erklärt hatte. Er habe sich von dem Giese diese Mitteilungen auch erzählen lassen und glaube, dass darin von der Auffindung des Gewehrs und der Schuhe die Rede gewesen sei."

„Daran, ob er seinerseits dem Giese Mitteilung über die Tat gemacht habe, könne er sich mit Bestimmtheit nicht erinnern; er glaube jedoch nicht, gewusst zu haben, wo das später aufgefundene Gewehr verborgen war, ehe er von der wirklich stattgehabten Auffindung desselben gehört hatte."

Auch die fernere, vom Verteidiger des Wiedecke aufgestellte, von dem Giese aber bestrittene Behauptung: „dass Letzterer mehrmals Branntwein erhalten habe, um dadurch die beiden Angeklagten redselig zu machen," ist unerwiesen geblieben, denn der über diesen Punkt zum Zeugen vorgeschlagene Gerichtsbote Godan hat nur bekundet:

„Auf Anweisung des Referendarius Hammer — welcher die Voruntersuchung vom 13. bis 17. April v. J. führte — habe er dem Giese unten ein Gläschen Branntwein geben müssen. Auch habe er dem Giese wohl drei bis vier Mal ein Fläschchen Branntwein in die Zelle mitgegeben." Hiernach steht nicht fest, dass Giese den von ihm in das Gefängnis mitgenommenen Branntwein zu dem Zwecke erhalten hat, um die Angeklagten dadurch zu Geständnissen zu bewegen. Ferner aber ist es unwahrscheinlich, dass er jenen Branntwein zu dem angedeuteten Zwecke wirklich verwendet hat; denn wäre solches der Fall gewesen, so hätten zweifelsohne die Angeschuldigten diesen Umstand zu ihrer Verteidigung geltend gemacht. Übrigens hat der Zeuge Giese der Aussage des Godan gegenüber erklärt:

„er habe Branntwein nie auf Anweisung des Referendarius Hammer, wohl aber von dem stets betrunkenen Godan erhalten, welcher allen Gefangenen, die Geld haben, etwas bringe." Der Verteidiger des Wiedecke hat weiter angeführt:

„es habe sich das Gerücht verbreitet, dass Giese vom Magistrate zu Brandenburg ein monatliches Gehalt erhalten habe, um in Brandenburg bis zur Beendigung der vorliegenden Untersuchungssache zu bleiben und in Letzterer ein Zeugnis abzulegen," Der Zeuge Giese hat indessen auf Befragen erklärt, dass dieses Gerücht unbegründet sei, und der Verteidiger des Wiedecke hat zur Unterstützung seiner Anführung Beweismittel nicht angegeben.

Endlich ist der Wiedecke selbst am Schlusse der Beweisaufnahme bei der mündlichen Verhandlung der Sache mit der Behauptung hervorgetreten:

„er habe dem Giese nur dasjenige erzählt, was er von der verehelichten Gutsbesitzer Matthes habe erzählen hören." Die hierüber vernommene Zeugin Matthes hat ausgesagt: „sie habe allerdings, als Wiedecke in ihrer Stube verhaftet wurde, den Tatbestand, wie er in der Rächt vom lt. zum 12. April vorgesunden worden war, erzählt." Es lässt sich jedoch nicht annehmen, dass Wiedecke sich darauf beschränkt haben sollte, dem Giese die ihm durch die Mitteilungen der verehelichten Matthes bekannt gewordenen Umstände wiederzuerzählen, denn das von dem Giese bekundete Geständnis des Wiedecke enthält viele, durch die spätere Beweisaufnahme bestätigte Tatsachen, deren Erfindung dem Giese nicht möglich gewesen wäre, wenn derselbe von dem Wiedecke nur den Tatbestand, wie solcher in der Nacht der Ermordung der Solle vorgefunden worden war, erfahren hätte. .

Andererseits hat der Angeklagte Solle behauptet:

„der Zeuge Giese sei unglaubwürdig, weil derselbe ihn mehrmals um ein Darlehn von 50 Rthlrn. gebeten, und als er, Solle, ihm dieses verweigert, erklärt habe: „er werde zu seinem, des Solle, Nachteile aussagen, ihm werde geglaubt, er habe geschworen." Diese Anführung des Solle ist unerwiesen. Überdies aber spricht gegen die Annahme: als habe Giese gegen den Solle aus Rache wegen der Verweigerung eines nachgesuchten Darlehens falsches Zeugnis abgelegt, der Umstand, dass Giese, noch bevor er mit dem Solle in eine und dieselbe Zelle gebracht wurde, die ihm vom Angeklagten Wiedecke gemachten Mitteilungen, in welchen wichtige Momente zur Belastung des Solle enthalten sind, vor Gericht deponiert hat.

 

Ferner hat Solle unter Berufung auf das Zeugnis des Strafgefangenen Rabe in Spandow, welcher mit dem Giese zusammen in einer und derselben Zelle des Kreisgerichts-Gefängnisses zu Brandenburg eine Zeit lang detinirt gewesen ist, behauptet:

„Giese habe zu dem Rabe gesagt:  „es tue ihm leid, dass er solche Lügen gegen ihn, den Solle, vorgebracht habe."" Der Strafgefangene Rabe hat denn auch bekundet: „Giese habe ihm von dem Solle erzählt und ihm gesagt: dass er dem Kreisrichter recht den Hals voll gelogen habe." Allein diese Aussage des Rabe verdient keinen Glauben, weil derselbe unter der Herrschaft des Strafgesetzbuches zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden ist und hierdurch die bürgerliche Ehre verloren hat. Aus diesem Grunde ist auch seine Vereidigung unterblieben.

Endlich ist darauf hinzuweisen, dass der Angeklagte Solle bei der mündlichen Verhandlung der Sache insbesondere die Angaben des Giese in Betreff der von ihm, dem Solle, beschriebenen beiden Zettel bestritten und nur eingeräumt hat: „er habe nur einen Zettel in der Gegenwart des Giese geschrieben, denselben aber sodann in dm Mund genommen und aus dem Fenster geworfen. Der Inhalt dieses Zettels sei eine an den Handelsmann Ahlert gerichtete Bitte um Lebensmittel gewesen." Diese letztere Behauptung des Solle ist jedoch offenbar eine leere Ausflucht, denn der Angeklagte hat in der Voruntersuchung ausdrücklich erklärt: „er wisse nicht, was er auf den Zettel geschrieben gehabt habe." Hierzu kommt, dass die Depositionen des Zeugen Giese, und namentlich der Inhalt der von demselben mitgeteilten Geständnisses beider Angeklagten, im Wesentlichen mit den sonstigen Ermittelungen im Einklange stehen. In dieser Beziehung ist auf die vorangegangene Darstellung des Sachverhältnisses Bezug zu nehmen, und hier nur noch hervorzuheben, dass die von dem Giese bekundeten Angaben des Wiedecke über die Seitens des Letzteren kurz vor der Zeit der Tat erfolgte Verausgabung von 6 Rthlrn. Miete und einem Zweitalerstück an seine Söhne durch die Beweisaufnahme bestätigt worden sind. Überdies ist der Giese von der Anschuldigung des Bankerutts, deswegen er sich zu Brandenburg in Untersuchungshaft befand, rechtskräftig freigesprochen worden, und e kann an seiner Glaubwürdigkeit um so weniger gezweifelt werden, als der Rentmeister Lentzer, wie dieser bekundet, von dem Verstecke, in welchem er nm Morgen des 17. April unsern der Wohnung des Wiedecke in dessen Garten das mehr erwähnte Gewehr nebst den Schuhen auffand, erst durch Miteilungen, die ihm von dem Giese am Tage vorher gemacht worden waren, Kenntnis erlangt hat.

2. Auf das Schuldbewusstsein beider Angeklagten deutet der Umstand hin, dass sie nach ihrer Verurteilung zum Tode im Januar 1856, die Absicht, sich zu entleiben, zu erkennen gcgebrn und Vorbereitungen zur Ausführung dieses Entschlusses getroffen haben. Auch sind um dieselbe Zeit bei dem Solle mehrere von demselben an seinen Gesellen Kalmbach gerichtete Briefe in Beschlag genommen worden, in welchen er diesen bittet, ihm einige Werkzeuge zum Zwecke eines gewaltsamen Ausbruchs aus der Haft und einen falschen Pass für eine Reise nach Amerika zu verschaffen.

3. Bemerkenswert ist es ferner, dass beide Angeklagte nach ihrer Verurteilung gegenseitige Beschuldigungen vorgebracht haben.

Solle nämlich erklärt in einem von ihm eingelegten Immediatgesuche vom 16. Februar 1856, in welchem er seine eigene Unschuld beteuert und den Belastungszeugen Giese als übelberüchtigt und unglaubwürdig darzustellen versucht:

„er habe während der schwurgerichtlichen Verhandlungen die Überzeugung gewonnen, dass seine Ehefrau von dem Wiedecke ermordet worden sei. Er halte es auch nicht für unwahrscheinlich, dass der Schneidermeister Neie sich an der Vorbereitung oder Ausführung dieses Mordes beteiligt habe. Neie und Wiedecke seien beide sehr arm. Neie habe aber auch gewusst, dass in seinem, des Solle, Hause stets Geld vorhanden und dass er nach Potsdam verreist war."

„Es sei möglich, dass beide einen Diebstahl bei ihm beabsichtigt haben, bei der Ausführung desselben aber durch das unvorhergesehene Erwachen der Zeugin Müller gestört worden sind." Diese Angaben des Solle stehen in soweit, als sie Verdächtigungen des Schneidermeisters Neie und die Ansicht enthalten: dass von Letzterem und dem Wiedecke die Verübung eines Diebstahls bei dem Solle beabsichtigt worden sei, mit den bisher dargestellten Ergebnissen der Beweisaufnahme im Widerspruch. Indessen dürste auf die Erklärung des Solle: dass er während der schwurgerichtlichen Verhandlungen die Überzeugung von der Schuld des Angeklagten Wiedecke gewonnen habe, ein besonderes Gewicht zu legen sein, da er, wie oben bemerkt, im Laufe der Untersuchung angeblich durchaus keinen Verdacht gegen den Wiedecke gehegt und noch bei feiner Vernehmung vor den Geschworenen angegeben hat: „er wisse nicht, ob er den Wiedecke für verdächtig halten solle."

Andererseits hat Wiedecke am zweiten Tage nach seiner Verurteilung, am 28. November 1855 Folgendes zu gerichtlichem Protokoll erklärt:

„Ungefähr 8 Tage vor dem Tode meiner Frau im Monat Februar, kam ich das erste mal mit dem Müller Solle bei mir in Rädel zusammen. Solle kam in Begleitung des Neie, und hatte mir der Letztere gesagt: Solle wolle einen Jagdgehilfen haben, es würde gut bezahlt. Ich ging nach einigem Weigern darauf ein, Solle zur Jagd behilflich zu sein, und bestellte mich derselbe auf einen Sonnabend — es war der vor dem Begräbnis meiner Frau, also der 24. Februar — nach der Caniner Forst. Ich ging an die bestimmte Stelle und traf Solle; derselbe sagte mir: „„ich solle etwas Böses tun; ich könnte es recht gut tun, denn ich sollte soviel dafür haben, dass ich zeitlebens genug hätte."" „Er sagte mir jedoch nicht, was er meinte, ermahnte mich jedoch zu schweigen, und gab mir einen harten Taler. Er bestellte mich auf über 8 Tage wieder an dieselbe Stelle. Ich ging an dem bestimmten Tage wieder hin und war der Erste auf der Stelle; bald kam auch Solle mit seinem Doppelgewehr und wir gingen etwas in der Forst umher, jedoch nur zum Schein. Bald kamen wir wieder auf unser neuliches Gespräch. Solle sagte mir wieder: „ich sollte etwas Böses tun, ich sollte aber schweigen, er wolle mir 2 Rthlr. geben."" „Er gab mir diese auch, und als ich ihn nun fragte, was er wolle? sagte er mir: „ich solle seine Frau erschießen.“ Ich erwiderte ihm: „Das wäre ein schweres Dasein, selbst eine Frau zu erschießen, und weigerte mich. Solle machte aber verschiedene Vorschläge, wie es auszuführen wäre; er sagte: „er würde verreisen; der Schneider wüsste auch darum, denn er

hätte denselben gebeten, ihm einen verschwiegenen Mann zu »er' schaffen." „Auf meine wiederholte Weigerung sagte Solle: „ich sollte mich besinnen.“ „Er bestellte mich nun wieder zum Schneider Neie, dort würden wir uns wohl treffen; ich sollte überhaupt nur öfter dorthin gehen; wir würden uns vielleicht bei demselben treffen. Ich ging von nun an bei jeder Gelegenheit zu dem Schneider Neie und traf den Müller Solle auch zuweilen dort; wir sprachen aber nie von der auszuführenden Tat."

„Eines Abends nach dem Tode meiner Frau — es war der Abend, an dem ich dem Schneider Neie den mir geborgten Rock zurückbrachte und ihn eine Stunde erwartete — kam Neie und Solle von Lehnin zurück in die Neiesche Wohnung. Als Solle fort ging, stieß mich Neie an, ihm nachzufolgen. Ich Tat dies, wir gingen schweigend nebeneinander her und Solle gab mir hierbei 18 Rthlr, worunter drei Zweitalerstücke waren. Eine weitere Zusammenkunft und überhaupt etwas Weiteres wurde bei dieser Gelegenheit nicht verabredet; ich hatte aber Solle noch nicht erklärt, dass ich auf seine Anschläge eingehen wollte."

„Einige Zeit später traf ich den Neie, als ich ihn suchte, auf dem Felde. Bald kam auch Solle dazu, und verabredeten Solle und Neie, nach Lehnin zu gehen. Da Neie keine Stiefeln hatte und nach dem Dorfe zurückging, um sich Stiefeln anzuziehen, blieb ich mit Solle allein, und sagte mir derselbe wiederum, „ich sollte seine Frau erschießen."" „Der Schneider Neie, den ich schon vorher darüber gesprochen hatte, hatte mir auch zugeredet und gesagt: „wenn ich es nicht tun wolle, würde er es selbst tun."" „Was ich so eben angeführt habe, muss ich folgendermaßen verbessern. Einige Zeit vor Ostern kam ich von Rädel und traf den Neie auf dem Felde bei Steinen beschäftigt; wir blieben allein, ich und Solle, als Neie fort ging, sich Stiefeln anzuziehen, ob wir aber bei dieser Gelegenheit über die Tat gesprochen haben, weiß ich nicht. Als Neie zurückkam, gingen wir zusammen bis Schwiena; ich ging dann nach Rädel und die beiden Andern nach Lehnin."

 

„Die nächste Zusammenkunft hatten wir am dritten Osterfeiertage, ich muss auch jetzt, wie ich früher gesagt habe, dabei bleiben, dass ich in der Nacht vom Montag zum Dienstag — vom 9. zum 10. April v. I. — zu Hause gewesen bin. Früh um 4 Uhr ging ich von Hause fort nach Busendorf, da jedoch beim Schneider noch Alles zu war, ging ich in die Nähe des Backofens und schnitt mir dort einen Stock. Von hier ging ich nach Canin zur Tabbert und schlief dort bis gegen 10 Uhr. Dann ging ich wieder zu Neie und traf mit demselben weitere Verabredungen. Derselbe redete mir wieder zu, wir wollten es zusammen thun, Solle würde am andern Tage nach Potsdam reisen und dann wollten wir uns am Abend, wenn uns der Müller vorher noch bestimmte Nachricht gegeben hätte, bei dem Hause vor dem Dorfe treffen; wenn aber der Müller nicht verreisen sollte, sollte es am andern Abend geschehen. Später kam auch Solle, derselbe gab mir zunächst noch den Auftrag, für ihn Buchsbaum bei der Witwe Mehles zu besorgen, auch führten wir noch andere gleichgültige Gespräche, namentlich über den Busendorfer Mühlenbau. Neie sagte nun zu Solle:  „sein Bruder führe am andern Tage nach Potsdam, da könne er mitfahren,“ und Solle sagte dies auch zu. Dann gingen wir drei fort, und kamen wieder an das Feld des Neie. Hier blieb ich mit Solle nun wieder etwa 10 Minuten allein und sagte mir derselbe nun: „es wäre doch nun richtig, er führe nach Potsdam und hätte mit dem Schneider schon gesprochen, wir sollten es Beide zusammen tun. „Er versprach mir bei dieser Gelegenheit auch 100 Rthlr. und ich sagte ihm dann, ich wäre bereit. Wir gingen dann wieder alle Drei bis vor Schwiena und trennten uns dort."

„Am Abend des 11. April, nachdem ich Abendbrot gegessen hatte, und ich, sowie auch meine Familie, zu Bett gegangen war, stand ich im Finstern wieder auf, kleidete mich an und holte aus dem schon seit längeren Jahren in meinem Garten befindlichen, mit Holz ausgesetzten Loche meine Flinte. Ich ging in Stiefeln fort, nahm mir jedoch ein Paar Frauenschuhe, die in dem bei mir befindlichen Vorrate alter Pantinen lagen, mit. Im Garten lud ich noch zuvor das Gewehr mit Rehposten und einer gewöhnlichen Pulverladung. Die Zahl der Rehposten, welche ich hinein Tat, weiß ich nicht, sie war aber bedeutend größer, als man sonst zu einer Ladung nimmt. Darauf ging ich nach Busendorf und traf dort vor dem Hause des Tagelöhners Behrend den Schneidermeister Neie, der mir sagte, dass Solle verreist wäre und ich seine Frau erschießen solle. Ich sagte aber: „ich könnte es doch nicht tun, er solle es lieber selbst tun.“

„Neie zog sich seine Stiefeln aus, zog die von mir mitgebrachten Schuhe an, und ging dann fort nach den Fichten zu. Bald, ungefähr nach einer Viertelstunde, kam er wieder und sagte:

„Getroffen werde ich sie wohl haben.“ „Neie zog dann seine Stiefeln wieder an, ich nahm die Schuhe wieder und ging in Strümpfen bis an die Fichten bei Busendorf, hier zog ich die Schuhe wieder an und ging bis an die Kusseln, welche zwischen den Fichten und Rädel liegen. Hier lagen nämlich meine Stiefeln, die ich schon auf dem Hinwege ausgezogen hatte. Die Stiefeln zog ich wieder an und ging nach Hause. Das Gewehr hatte mir Neie gleich wiedergegeben. Ich kam zu Hause etwa zwischen 1 und 2 Uhr an, Tat das Gewehr und die Schuhe in das Loch, welches ich mit Reisern verdeckte, und legte mich demnächst zu Bett."

„Dies ist, wie ich hiermit versichere, meine ganze Beteiligung bei der Tat."

„Als die Beweggründe zur Tat hat mir Solle gesagt, dass er mit seiner Frau unglücklich lebte und ihr Geld haben wollte. Dass er seine Schwägerin Heiraten wolle und mit ihr ein Verhältnis gehabt habe, hat mir Solle, soviel ich weiß, nicht gesagt."

„Solle hat mir auch nicht mehr, als die von mir angegebenen 21 Rthlr. gegeben."

„Einen Schuss habe ich, als Neie zur Vorbringung der Tat fortgegangen war, nicht gehört." Aus dieser nachträglichen Auslassung des Angeklagten Wiedecke ergibt sich unzweifelhaft, wie sehr derselbe das Gewicht der in der Hauptverhandlung vor dm Geschworenen gegen ihn erhobenen Beweise gefühlt hat; die Angabe des Zeugen Giese werden dadurch in sehr wesentlichen Punkten bestätigt; der Angeklagte Wiedecke hat ferner nicht nur den Mitangeklagten Solle direkt bezüchtigt, dass derselbe durch Geschenke und Versprechungen ihn zu dem Verbrechen angereizt habe, sondern er hat auch seine eigene Teilnahme an dem Verbrechen in so fern eingeräumt, als er zugestanden hat, sich zu dessen Ausführung bereit erklärt und sogar die dazu erforderlichen Veranstaltungen getroffen, namentlich sein Gewehr zu dem Ende mit Rehposten geladen zu haben.

Als den eigentlichen Urheber der Tat hat er schließlich zwar den Schneidermeister Neie bezeichnet, jedoch dafür Beweismittel nicht anzuführen vermocht. Auch stehen die von ihm gegen Neie vorgebrachten Bezüchtigungen mit den durch die Untersuchung ermittelten Umstünden und namentlich mit seinem, dem Zeugen Giese abgelegten außergerichtlichen Geständnisse im Widerspruch; sie scheinen lediglich aus einem Rachegefühl des Angeklagten gegen den Neie, durch dessen Aussage seine Verurteilung mit herbeigeführt worden ist, hervorgegangen zu sein  Wiedecke hatte schon bei der mündlichen Verhandlung der Sache die unerwiesenen Behauptung aufgestellt, dass Neie eine heimliche Rache gegen ihn hege und deshalb zu seinem, des Wiedecke, Nachteile wahrheitswidrige Angaben gemacht habe.

Unter solchen Umständen hat die Staatsanwaltschaft keine Veranlassung gefunden, mit Bezug auf die in Rede stehenden Anschuldigungen weitere Nachforschungen anzustellen.

Nachdem des Königs Majestät durch den betreffenden Erlass erklärt hatten, dass der Gerechtigkeit freier Lauf zu lassen sei, sind beide Angeklagte am 12. September 1856 hingerichtet worden.

 

Willy Roloff - Ein Serienmörder aus der Kriminalchronik des Dritten Reiches

Eine unheimliche Mordserie erschreckte in den Jahren 1931 bis 1936 Mecklenburg und Preußen (Provinz Brandenburg). Der folgende Kriminalfall stammt aus der "Kriminalchronik des Dritten Reiches" (Band I) von Wolfgang Krüger.

Es war bereits dunkel an diesem frühen Abend des 24. Oktober 1936. Als der Autofahrer von Bad Freienwalde [3] kommend gegen 18.30 Uhr die nach Wriezen führende alte Chaussee befuhr, erfasste der Lichtkegel seines Autos etwa 200 Meter hinter der alten Oderbrücke, zwischen den Ortschaften Altranft und Adlig-Reetz [4], einen Lieferkraftwagen. Er stand mit offenem Kastenaufbau und einem zweirädrigen Anhänger am Straßenrand. Beide waren mit leeren Kisten beladen. Das Führerhaus war leer, von dem Fahrer fehlte zunächst jede Spur. Erst als der Reisende das Fahrzeug mit der Taschenlampe ableuchtete, entdeckte er den Fahrer. Er lag in einer Blutlache auf der Straße, genau zwischen dem Lieferwagen und dem Anhänger. Um ihn herum waren leere Kisten aufgestapelt. Ein alter Soldatenmantel bedeckte die Leiche. Erschrocken machte der Autofahrer kehrt und fuhr nach Bad Freienwalde zurück, wo er die Gendarmerie verständigte.

Die Beamten waren innerhalb weniger Minuten am Tatort. Anhand der aufgefundenen Papiere stellten sie fest, daß es sich bei dem Toten um den 52jährigen Handelsmann Christian Worreschk handelte. Er war in Boblitz im Spreewald ansässig und handelte mit Obst und Gemüse sowie Leinöl. Der Tote wies fürchterliche Schädel- und Gesichtsverletzungen auf; das Gesicht bildete eine blutige Masse. Am Hinterkopf war deutlich eine Schusswunde erkennbar, die vermutlich die Todesursache war. Offenbar war der Händler erst vor kurzer Zeit an dieser Stelle ermordet und beraubt worden. Zwar fand man eine Geldbörse mit 140 Mark, die der Täter wohl übersehen hatte, doch meinten später Zeugen, er müsse mindestens 180 Mark bei sich gehabt haben.

Die Bad Freienwalder Beamten setzten sofort telefonisch die Staatsanwaltschaft in Prenzlau von der Entdeckung der Bluttat in Kenntnis. Diese wiederum verständigte zur Unterstützung die Berliner Mordkommission, die eine Abordnung unter der Leitung des erfolgreichen Kriminalrats Lobbes entsandte. Beide Behörden nahmen noch in der Nacht die Ermittlungen auf. Sie erleuchteten den Tatort mit großen Scheinwerfern und begannen, die Umgebung nach Spuren abzusuchen.

Indessen erfuhren die Beamten, daß der ermordete Händler seine Geschäftsreisen, die hauptsächlich im Ankaufen von Obst bestanden, immer in seinem an den Anhänger gekoppelten Lieferwagen unternahm. Bewohner von Altranft sagten aus, daß Worreschk am Sonnabend Nachmittag in ihrer Ortschaft gehalten habe. Kurz vor der Abfahrt des Händlers, es begann bereits zu dunkeln, sei ein unbekannter Motorradfahrer langsam vorausgefahren und mit sehr niedriger Geschwindigkeit in Richtung alte Oderbrücke verschwunden. Hinter der Oderbrücke hätten dann beide, der Motorradfahrer und der Händler, angehalten. Kurz danach mußte der Mord passiert sein. Nach Bekanntwerden der Mordtat hat man tatsächlich in Altranft ein herrenloses, am Straßenrand stehendes Motorrad aufgefunden, dessen Benzintank völlig leer war. Die Polizei ermittelte sofort nach dem Besitzer der Maschine. Sie war in der Nacht auf den 15. Oktober in Wilmersdorf bei Templin in der Uckermark gestohlen worden! Ebenfalls in Wilmersdorf hatte am 16. Oktober ein Mann versucht, ein 13jähriges Mädchen zu vergewaltigen. Dieser Täter und der Raubmörder konnten durchaus identisch sein. Ebenso wurde der Polizei gemeldet, daß ein Unbekannter in den letzten Tagen auf dem Wege von Templin nach Bad Freienwalde Betrügereien und Zechprellereien begangen habe.

Die Mordkommission nahm nun vorrangig die Fahndung nach dem unbekannten Motorradfahrer auf. Er war der Tat dringend verdächtig. Die Bewohner beschrieben seine Kleidung folgendermaßen: Lederjacke, schwarze Stiefelhosen, schwarze hohe Schnürstiefel und eine dunkelblaue Seglermütze. Sämtliche Einwohner der Umgebung wurden zur Mitfahndung aufgerufen. Vor allem sollten sich diejenigen Personen melden, die in den vergangenen Tagen einen Unbekannten bei sich aufgenommen hatten. Da das Opfer auch intensive geschäftliche und private Beziehungen zur Reichshauptstadt Berlin unterhielt, versuchte die Polizei Näheres über diese Kontakte zu erfahren. Über den Berliner Rundfunk wurde eine Personenbeschreibung des Motorradfahrers verlesen.

Die in Berlin wohnende Besitzerin des südwestlich von Briesen in der Mark gelegenen Gutes Angelenhof hörte die Meldung und war der Ansicht, die Beschreibung träfe auf ihren früheren Gutsangestellten Willy Roloff zu. Dieser sei auch kurz vor der Tat wieder in der Gegend gesehen worden war. Sie teilte dies der Mordkommission mit.

In den folgenden Tagen versuchte die Mordkommission, den Weg des Täters von Wilmersdorf nach Bad Freienwalde nachzuzeichnen. Und sie hatte Erfolg. Es meldeten sich immer mehr Zeugen, die den unbekannten Motorradfahrer gesehen haben wollten. Und sie berichteten von einer Spur von Diebstählen und Betrügereien, die der Unbekannte seit Anfang Oktober in Mecklenburg und in der Uckermark hinterlassen hatte. Mehrere Motorraddiebstähle gingen auf sein Konto. Seit dem 20. Oktober beging er in der Gegend von Templin mehrere Betrügereien. So suchte er in Metzelthin eine Geschäftsfrau auf, schwindelte ihr vor, er sei Kriminalbeamter, und verlangte von ihr sämtliches Barvermögen: bei der Polizei sei eine Anzeige eingelaufen, daß sie in ihrer Wohnung Falschgeld aufbewahre. Die Frau zeigte ihm zwar das Geld, zögerte aber, es auszuhändigen. Hals über Kopf sei der Unbekannte dann verschwunden. Am 22. Oktober fuhr er mit seinem gestohlenen Motorrad bei einer Tankstelle in der Nähe von Seelow im Kreis Lebus vor, ließ sich den Tank füllen und fuhr ohne zu bezahlen davon.

Und dann meldete sich ein Wirt, der am Mittag des 24. Oktober, also dem Tag des Mordes, den Unbekannten mit seinem späteren Opfer in seiner Gaststätte in Müllrose, ebenfalls im Kreis Lebus, zusammen gesehen haben wollte. Dort habe der Unbekannte, da er nicht bezahlen konnte, seine Uhr, eine silberne Zylinderuhr, als Pfand hinterlegt. Er habe auch gehört, wie sich die beiden in Frankfurt an der Oder wiedertreffen wollten. Die genaue Stelle habe er nicht verstanden. Beide Männer seien dann in verschiedene Richtungen davongefahren. Am Nachmittag waren die beiden von weiteren Zeugen zusammen auch in Metzdorf bei Wriezen und gegen 17 Uhr auf der Landstraße zwischen Wriezen und Alt-Ranft gesehen worden.

Der Regierungspräsident in Potsdam setzte nun eine Belohnung von 1000 Reichsmark für die Ergreifung des dreisten Täters aus.

Die Obduktion des Toten ergab, daß Worreschk durch mehrere wuchtige Schläge auf den Hinterkopf niedergestreckt worden sei, vermutlich mit einem Hammer odem dem stumpfen Ende eines Beiles. Außerdem hatte er einen Kopfschuß aus nächster Nähe erhalten. An seiner Mütze wurden deutliche Brandspuren und Pulverschleim gefunden.

Am 30. Oktober, also eine Woche nach dem Raubmord, konnten die Ermittler einen ersten und zugleich entscheidenden Erfolg verbuchen: Es gelang ihnen, den Namen des Unbekannten, der seine Uhr verpfändet hatte, ermitteln. Dabei handelte es sich um den 27jährigen Willy Roloff, jenen Mann, dessen Personalbeschreibung die Besitzerin des Gutes Angelenhof hatte hellhörig werden lassen! Roloff stammte aus Schivelbein in der Provinz Pommern und war bis Juli 1936 als landwirtschaftlicher Arbeiter auf dem Gut Angelenhof Mark beschäftigt. Zuvor hatte er auf verschiedenen Gütern in der Kurmark, in Mecklenburg und in Pommern gearbeitet. Roloff war bereits vorbestraft, zuletzt 1933 in Stettin wegen Einbruchs. Im Juli wurde er als Schütze zu einem Ersatzbataillon eingezogen, entfernte sich aber am 22. September unerlaubt von der Truppe. Seit September trieb sich Roloff in der Gegend von Templin umher, beging Gelegenheitsdiebstähle und übernachtete in Feldscheunen. Er war im Falle des Vergewaltigungsversuchs an dem 13jährigen Mädchen in Wilmersdorf als Täter dringend verdächtig.

Noch am selben Sonnabend intensivierte die Mordkommission die Fahndung und wies alle Polizeikräfte zu erhöhter Wachsamkeit an. Es gingen Hinweise ein, wonach sich Roloff in der Gegend von Eberswalde aufhielt. In der Vorhalle des Bahnhofs von Eberswalde wurde er schließlich von zwei Gendarmen erkannt. Geistesgegenwärtig lief er davon, rannte über die Gleise in die dahinter beginnenden Felder und war verschwunden.

Unverzüglich besetzten Gendarmerie und Polizei sowie SA, SS, freiwillige Feuerwehren aus den umliegenden Ortschaften sowie eine große Zahl von Zivilisten sämtliche Straßenkreuzungen in der Umgebung von Angermünde und Eberswalde. Eine derart aufwendige Fahndung hatte dieser Landstrich noch nicht erlebt! Die Staatsanwaltschaft Prenzlau und die Berliner Mordkommission veranlassten gleichfalls eine groß angelegte Suchaktion rings um Eberswalde. Das gesamte Gebiet wurde großräumig abgeriegelt. Polizei und Gendarmerie durchkämmten Wälder und Felder und wurden dabei von Suchtrupps der Fliegerkommandantur in Prenzlau, des Reiterregiments in Schwedt und des Schützenregiments in Eberswalde unterstützt. Die Einkreisung des gesamten Gebietes von Eberswalde bis Prenzlau war so gut wie lückenlos! Der Mörder konnte nun nicht mehr entrinnen!

Am Sonntagmorgen, es war der 1. November, betrat ein Mann eine Konditorei im Zentrum von Eberswalde und bestellte einen Kaffee sowie acht Stück Kuchen zum sofortigen Verzehr. Die Verkäuferin wurde stutzig, nicht nur die Kuchenportion erstaunte sie. Sie musterte den Kunden eingehend: Er machte einen scheuen, recht verstörten Eindruck und trug schmutzige Kleidung, ähnlich der, wie sie in der Personenbeschreibung des Flüchtigen angegeben war. Und da fiel ihr die Beschreibung ein, die sie kurz zuvor in der in einem Schaufenster gegenüber ausgehängten Berliner Morgenpost gelesen hatte. Während ihre Kollegin die Bedienung des Verdächtigen übernahm, eilte sie über die Straße und las die Beschreibung nochmals durch! Dann began sie sich unauffällig in den Hinterraum der Konditorei und rief die Polizei an.

Bevor diese eintraf, hatte der Unbekannte jedoch den Laden bereits verlassen. Er mag wohl gespürt haben, daß etwas nicht stimmte. Kaum hatte er wieder die Straße betreten, als er gegen 8.45 Uhr direkt einer Polizeistreife in die Arme lief. Er war so überrascht, daß er sich widerstandslos ergab. Die drei Pistolen, die er mit sich führte, konnte er nicht mehr benutzen. Sie waren geladen und entsichert! In seinen Taschen fand man den Starterschlüssel zu dem Wagen des ermordeten Händlers sowie dessen Uhr, Geldbörse und Messer!

Unter strengster Bewachung wurde der Verhaftete unverzüglich in einem Polizeiwagen nach Berlin gebracht und dort dem Polizeipräsidium überstellt. Dort begann eine inzwischen gebildete „Sonderkommission Roloff“ sofort mit dem Verhör. Doch trotz der lückenlosen Beweiskette leugnete Roloff beharrlich jede Beteiligung an dem Raubmord. Er gab lediglich den Notzuchtversuch, mehrere Motorraddiebstähle und die Zechprellereien sowie Einbrüche und Betrügereien zu. Er änderte erst sein Verhalten, als man ihm einen in seiner Handschrift geschriebenen Zettel vorlegte, der in der Tasche des Ermordeten gefunden worden war: Er wurde unruhig. Dann gestand er, er habe den Händler an den Tatort gelockt, um ihn zu ermorden und zu berauben. Denn er hätte erfahren, daß dieser als Obstankäufer stets im Besitz einer größeren Geldsumme, meist 800 Mark, war. Allerdings habe er nur einige Wertsachen und Kleingeld gefunden. Eine Geldbörse mit 140 Mark habe er übersehen. Später sollte sich herausstellen, daß er die für die Ermordung des Händlers benutzte Pistole seinem Vater gestohlen hatte! Danach hatte er sie ihm wieder per Post zurückgeschickt. Die Beamten fanden auch heraus, daß der Verhaftete bereits im Alter von 13 Jahren seinen ersten Einbruch beging. Schon nach kurzer Zeit beschlich die Vernehmer das Gefühl, daß Roloff noch mehr auf dem Kerbholz hatte. Das mysteriöse Verschwinden eines Landwirts aus der Prignitz war immer noch nicht aufgeklärt. Auch das spurlose Verschwinden anderer Personen in der Provinz Brandenburg gab weiterhin Rätsel auf. Zu diesem Zeitpunkt konnten die Beamten nicht ahnen, daß sie einen der schlimmsten Serienmörder in den Annalen der Provinz Brandenburg vor sich hatten. Noch glaubten sie, nur im Falle des Freienwalder Raubmordes zu ermitteln. …

Am 24. Mai 1936 inserierte ein gewisser „Ortsbauernführer Karl Müller aus Berkenbrück“ in einem landwirtschaftlichen Wochenblatt. Er suchte für seine verwitwete Schwägerin einen Wirtschafter für deren 120 Morgen großen Bauernhof. Eine spätere Einheirat in den Hof wurde auch in Aussicht gestellt.

Der 33jährige Landwirt Albert Lüdke aus Kötzlin im Kreis Ostprignitz meldete sich auf diese Anzeige. Ungeschickterweise teilte er in seinem Antwortschreiben auch gleich mit, er verfüge über ein Vermögen von 8000 Reichsmark. Schriftlich unterrichtete ein „Herr Schwenger“ ihn daraufhin, er könne die Stellung am 4. Juni antreten und möge sich an diesem Tage gegen 19 Uhr am Gepäckschalter des Bahnhofs in Frankfurt an der Oder einfinden, wo ihn ein Beauftragter namens Schwenger abholen werde. Also fuhr Lüdke am 4. Juni zunächst nach Berlin, gab am Schlesischen Bahnhof sein Gepäck und sein neues Fahrrad der Marke Göricke nach Frankfurt auf und nahm dann den Zug nach der Oderstadt.

Seitdem fehlte von ihm jede Spur. Sein Gepäck und das Fahrrad waren nachweislich vom Bahnhof abgeholt worden. Die von mehreren Vermißtenzentralen angestellten Ermittlungen verliefen im Sande. Und allmählich wurde die Vermutung immer größer, daß er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Einige Tageszeitungen wiesen darauf hin, daß Lüdke SS-Truppführer war.

Als Schreiber des Inserats und des mit „Schwenger“ unterschriebenen Briefes konnte nur Roloff in Frage kommen. Es war nicht auszuschließen, daß er den Landwirt Lüdke am Bahnhof in Frankfurt in Empfang genommen und ihn auf dem Wege zu dem angeblichen Bauernhof ermordet und beraubt haben könnte. Denn die Mutter des Verschwundenen hatte gewisse Gegenstände, die sich in Roloffs Besitz fanden, als die ihres Sohnes wiedererkannt. Darunter befanden sich auch ein neues Fahrrad der Marke Göricke sowie ein Koffer. Über die Herkunft des Fahrrads verweigerte Roloff jegliche Aussage. Als Roloff verhaftet wurde, trug er die Socken mit dem Monogramm seines Opfers! Ein Pfandleiher wiederum bestätigte, daß Roloff einen Ring, der dem Ermordeten gehörte, bei ihm versetzt hatte.

Hatte Roloff durch fingierte Anzeigen etwa noch mehr Menschen an sich gelockt und sie ermordet? Er bediente sich bei diesen Anzeigen vorwiegend kleinerer Tageszeitungen, die hauptsächlich in Landwirtskreisen gelesen wurden. Und daß diese Annoncen aufgegeben wurden, konnte einwandfrei nachgewiesen werden. Dabei ging der Unbekannte immer nach dem gleichen Muster vor: Für seine Schwägerin, abwechselnd auch für seine Schwester, die als Witwe einen größeren Hof besäße, suche er einen Wirtschafter und stellte auch gleich eine eventuelle Heirat in Aussicht. Als Wohnorte benannte der Inserent stets Orte in der Nähe von Frankfurt an der Oder. Seine Briefe waren sowohl in Frankfurt als auch in Fürstenwalde und Eberswalde aufgegeben. Die Antwort erbat er sich immer postlagernd.

Die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt auf die Zeit ab Januar 1935. Damals war Roloff als Wirtschafter auf dem kleinen Gut Angelenhof unweit von Briesen in der Mark, westlich von Frankfurt an der Oder, tätig. Und es wurde befürchtet, daß er während dieser Zeit weitere Straftaten begangen haben könnte, möglicherweise auch einen Mord!

Wochenlange, fast pausenlose Verhöre im Berliner Polizeipräsidium trugen schließlich Früchte. Am 21. November ließ sich Roloff wieder vorführen. Er wolle nunmehr ein Geständnis ablegen, allerdings ein Teilgeständnis, wie sich herausstellen sollte. Ja, er wisse, wo der verschwundene Landwirt Lüdke begraben liege. Das Grab befände sich am Seeufer unweit des Gutes bei Briesen in der Mark, auf dem er über ein Jahr lang beschäftigt war. Und er zeichnete eine Skizze, um die Auffindung zu erleichtern. Doch darüber, wie der Landwirt ums Leben gekommen war, verweigerte er jede Auskunft.

Sofort begaben sich Beamte der Sonderkommission nach dem bezeichneten Ort, ein einsames Waldstück unweit des idyllisch gelegenen Kersdorfer Sees, der auf der Flur des Gutes Angelenhof lag. Zusammen mit mehreren Forstbeamten, Waldarbeitern und Spürhunden suchten sie anhand der Skizze Roloffs die Stelle ab. Zunächst zogen sie Meter für Meter Gräben, fanden aber nichts. Dann fühlten Waldarbeiter mit angespitzten Eisenstäben einen nach dem See abfallenden Gang ab. Unter einer großen Kiefer, etwa 150 Meter von der auf der Skizze bezeichneten Stelle, stießen sie auf einen durchgegrabenen Boden, dessen Grund rasch nachgab. Sofort begannen sie zu graben und stießen in einer Tiefe von einem halben Meter auf die verwesten Überreste eines Menschen. Dem Toten war das Jackett ausgezogen und um den Kopf geschlungen worden. Er trug markante gelbe Schuhe. Solche Schuhe hatte auch Lüdke getragen, als er seinem Mörder entgegenfuhr. Die Leiche wurde zur Obduktion nach Frankfurt an der Oder übergeführt.

Die Befürchtungen der Beamten, daß Roloff noch weitere Opfer in die Falle gelockt haben könnte, erwiesen sich nunmehr als durchaus real! Denn am Tage des Leichenfundes meldete sich ein Landwirt aus der Gegend von Seelow, der ebenfalls von einem „Karl Müller“ nach Frankfurt an der Oder gelockt worden war. Auch ihm hatte dieser eine Stellung in Aussicht gestellt. Als der Unbekannte aber bemerkte, daß das auserwählte Opfer kein Bargeld und keinerlei Wertsachen bei sich hatte, entfernte er sich rasch und ließ den Landwirt einfach stehen. Das rettete ihm das Leben! Als er Roloff gegenübergestellt wurde, erkannte er in ihm eindeutig den „Ortsbauernführer Karl Müller“ wieder! Roloff stritt ab, sein Gegenüber jemals gesehen zu haben, dann erklärte er den Beamten, nun überhaupt keine Auskunft mehr geben zu wollen.

Die Kette der Indizien war nunmehr geschlossen. Und die am 24. November durchgeführte Obduktion des am See gefundenen Toten ergab, daß Lüdke durch einen einzigen Pistolenschuß aus nächster Nähe in den Hinterkopf getötet worden war. Die Identifizierung gelang dadurch, daß sein Dentist die auffälligen Zahnkorrekturen wiedererkannte, die er an ihm vorgenommen hatte.

In der Zwischenzeit arbeitete die Mordkommission unermüdlich an der Aufklärung weiterer Fälle. Sie nahm sich eine Liste von in letzter Zeit vermißten Personen vor und überprüfte anhand der Örtlichkeiten und der Zeit, ob Roloff auch hierfür verantwortlich sein könne. Immer wieder stießen sie auf den Namen des landwirtschaftlichen Arbeiters und Chauffeurs Wilhelm Kochan, gebürtig aus Heinersbrück bei Cottbus, der am 4. Dezember 1935 spurlos verschwunden war. Der 30jährige Kochan war bei einem Bauern in Seddin bei Beelitz (Kreis Zauch-Belzig) in Stellung, gab diese aber am 3. Dezember 1935 auf, um eine neue Stellung in Stettin anzunehmen, wie er seinem Arbeitgeber gegenüber angab. Er hatte nämlich am 1. Dezember in einem landwirtschaftlichen Wochenblatt ein Inserat aufgegeben, in dem er eine neue Stellung suchte. Daraufhin hatte sich „Ortsbauernführer Heinz Schröder“ gemeldet, der angeblich einen Wirtschafter für seinen „intensiv bewirtschafteten Erbhof“ suchte, und ihn zu einem Treffen gebeten. Wunschgemäß reiste Kochan am 4. Dezember nach Frankfurt an der Oder. Auf der Durchreise schrieb er aus Fürstenwalde drei Postkarten an Verwandte und Freunde, auf denen er seine neue Anschrift als „Markendorf, Frankfurt/Oder Ld.“ angab. Es bestand so gut wie kein Zweifel mehr, daß Roloff auch hier seine Hand im Spiel hatte.

Am 9. Dezember gab er nach weiteren intensiven, wohl auch zermürbenden Verhören zu, Kochan am 4. Dezember 1935 vom Frankfurter Bahnhof abgeholt zu haben. Spät abends sei er er mit seinem Opfer auf dem Rücksitz seines kurz zuvor gestohlenen Motorrads zunächst nach Briesen in der Mark gefahren und dann in den Feldweg nach Neubrück eingebogen. An der Sandfurt-Brücke, die den Oder-Spree-Kanal überquert, habe er eine Panne vorgetäuscht. Als sich Kochan zum Motorrad hinunterbückte, um zu helfen, habe er ihn hinterrücks mit einem Schraubenschlüssel erschlagen. Nachdem er Geld, Wertsachen und Papiere und Gepäck des Toten an sich genommen habe, habe er die Leiche in den Kanal gestoßen. Seine Beute seien lediglich zwölf Mark gewesen. Tatsächlich meldeten sich Zeugen, die am Tage darauf, also am 5. Dezember, nahe der Brücke eine große Blutlache gesehen haben wollten.

Die Ermittler waren jedoch skeptisch. Sie bezweifelten, daß Roloff sein Opfer am Oder-Spree-Kanal ermordet hatte. Vor allem aber war im Kanal keine Leiche gefunden worden. Sie mutmaßten als Mordstelle die nähere Umgebung des nur wenige Kilometer südlich von Briesen gelegenen Gutes Angelenhof.

Zwei Tage lang durchforstete kurz nach Weihnachten ein großes Aufgebot von Polizei, Waldarbeitern und Freiwilligen, unterstützt von Spürhunden, das Gelände rings um das in einem Seengebiet gelegene Gut. Sie fanden nichts. Da brach am Abend des 30. Dezember Roloff sein Schweigen. Er wolle jetzt die Stelle zeigen, an der Kochan vergraben sei. Noch in der hereinbrechenden Nacht fuhren die Beamten ihn im Auto zum Gut Angelenhof. Roloff führte sie zu der Stelle, an der er Kochan vergraben haben wollte. Sie befand sich nicht weit von derjenigen, an der später der Landwirt Lüdke ermordet und verscharrt worden war. Eine gespenstige Szene entfaltete sich nun. Im Schein mehrerer Taschenlampen begann man zu graben und wurde bald fündig. In etwa 90 Zentimeter Tiefe kam eine fast völlig verweste, zusammengekrümmte männliche Leiche zum Vorschein. Ihr war der Schädel fast vollständig zertrümmert, möglicherweise mit einem Beil oder einem Hammer. Die Kleidung war diejenige, wie Kochan sie nach übereinstimmender Aussage von Zeugen am Tage seines Verschwindens getragen hatte. Roloff mußte den als sehr stark und kräftig gebaut geschilderten landwirtschaftlichen Arbeiter an diese einsame Stelle gelockt und dort hinterrücks mit einem Beil erschlagen und beraubt haben. Bei der Durchsuchung der Manteltaschen stieß man auf die Ausweispapiere, die auf den Namen Kochan ausgestellt waren, sowie auf den hinterhältigen Brief, den Roloff ihm geschrieben hatte. Beide hatte der Täter übersehen.

Kaum war das dritte Opfer ausgegraben, verdichteten sich Hinweise, daß auch noch eine vierte Person Opfer ein vorzeitiges Ende durch die Hand des Serienmörders gefunden hatte. Bislang hatte Roloff „erst“ drei Morde gestanden. Und noch immer beschäftigten sich die Ermittler mit der Blutlache bei der Sandfurt-Brücke unweit von Briesen, die Zeugen entdeckt haben wollten. Hatte hier Roloff sein viertes, bislang noch unbekanntes Opfer ums Leben gebracht? Erneut rief die Berliner Sonderkommission die Bevölkerung auf, alle an der Sandfurt-Brücke und in der Nähe des Gutes bei Briesen gemachten Wahrnehmungen unverzüglich zu melden.

Wochenlang traten die Ermittler auf der Stelle. Roloff verweigerte jede weitere Aussage. Er gab nur das zu, was man ihm lückenlos beweisen konnte. Doch meinte man, genügend Beweismaterial gegen ihn in der Hand zu haben, um Anklage zu erheben. Der Beginn der Gerichtsverhandlung wurde für den 6. März 1937 vor dem Schwurgericht in Eberswalde angesetzt.

Der Prozeß platzte! Denn Ende Februar 1937 überraschte Roloff die Gerichtsbehörden mit der Mittelung, er habe ein weiteres Geständnis abzulegen. Den staunenden Beamten erzählte er, daß er an einem Juliabend des Jahres 1931 auf der Landstraße von Teterow nach Gnoien (in Mecklenburg) unweit des Gutes Remlin mit seinem Motorrad eine Frau angefahren und schwer verletzt habe. Um sich Ärger mit der Polizei zu ersparen, habe er dann die Ohnmächtige in eine nahe gelegene Scheune geschleppt und mit einem Holzscheit erschlagen. Die Leiche habe er zunächst unter einem Strohhaufen versteckt und später unter dem Scheunenboden vergraben. Es könne sich um eine polnische Schnitterin gehandelt haben, die eine grüne Strickjacke trug. So genau wisse er dies nicht. Und er bezeichnete die Stelle, wo die Tote liegen könnte.

Die Sonderkommission begann an der angegebenen Stelle zu suchen. Tatsächlich stieß sie am 1. März in einer Scheune in unmittelbarer Nähe des Gutes Remlin auf das Skelett einer Frau. Die Kleidung war mit Ausnahme der Gummisohlen ihrer Turnschuhe völlig zersetzt und barg nur einige unbedeutende Gegenstände. Das Alter der Toten wurde mit 23 bis 30 Jahre angegeben. Bislang konnte sie nicht identifiziert werden, und man machte sich keine allzu großen Hoffnungen, daß dies jemals gelingen würde. Allerdings gab es keinen Zweifel daran, daß Roloff von November 1930 bis November 1931 Sekretär auf dem Gut Remlin war! Er war also mit den örtlichen Verhältnissen bestens vertraut und mußte auch das unbekannte Opfer gekannt haben. Vielleicht hatte er an ihr ein Sittlichkeitsverbrechen verübt und sie dann als Zeugin beseitigt.

In den folgenden Tagen wurde insbesondere die Bevölkerung der Gegend von Gnoien gefragt, wer von einer im Juni 1931 verschwundenen Frau wisse und mit welchen Frauen Roloff Umgang gehabt habe. Roloff indessen fuhr fort, sich weiterer Morde zu bezichtigen, um die Ermittler in die Irre zu leiten. Einige der Angaben klangen so phantastisch, daß die Beamten noch nicht einmal darauf eingingen.

Ende Mai 1937 waren die Voruntersuchungen so weit abgeschlossen, daß der Oberstaatsanwalt in Prenzlau Anklage gegen Willy Roloff wegen Mordes in vier Fällen erheben konnte. Allerdings war noch ungeklärt, ob der Prozeß in Prenzlau oder in Eberswalde stattfinden solle. Eines aber stand fest: Er sollte die Sühne bringen für eine in der Provinz Brandenburg fast beispiellos dastehende Mordserie, die wegen der Kaltblütigkeit des Täters reichsweit größtes Aufsehen erregt hatte. Nach langwierigen Abwägungen entschlossen sich die Justizbehörden für Prenzlau als Verhandlungsort. Da aber der Schwurgerichtssaal des dortigen Landgerichts gerade umgebaut wurde und nicht genügend Platz für die Verhandlung bot, ging man dazu über, die geräumige Aula des Städtischen Gymnasiums zu einem Gerichtssaal herzurichten. Wegen der Sommerferien wurde die Schule ohnehin nicht benutzt.

Schon am frühen Morgen dieses 5. Juli 1937, einem Montag, versammelte sich vor der Schule eine riesige Menschenmenge. Das kleine, im Herzen der Uckermark gelegene Städtchen Prenzlau mit seinen damals rund 23.000 Einwohnern hatte in seinen Mauern noch nie einen derartigen Sensationsprozeß erlebt. Da die Räumlichkeit beschränkt war, hatten nur etwa 80 Zuhörer Einlasskarten erwerben können.

Als der Angeklagte, der noch bis zum frühen Morgen im Untersuchungsgefängnis Moabit in Berlin gesessen hatte, in einem geschlossenen Polizeiauto auf den hinteren Hof des Gymnsiums gefahren wurde, kam Bewegung in die Menge. Vor allem diejenigen, die keinen Platz im Gerichtssaal gefunden hatten, bemühten sich, einen Blick auf den gefürchteten Serienmörder zu werfen, der gemäß des Berliner Lokal-Anzeigers als der „Freienwalder Mörder“ in die Kriminalgeschichte eingehen würde. An den Händen gefesselt wurde Roloff in den Saal geführt und nahm, von zwei bewaffneten Polizisten flankiert, auf der Anklagebank Platz. Die Fesseln sollten ihm für die gesamte Dauer des Prozesses nicht abgenommen, hielt man ihn doch für einen höchst gefährlichen und rücksichtslosen Verbrecher.

Dann betrat das Gericht den Saal. Zunächst wurden die Geschworenen vereidigt, ehe der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Riethe, die Personalien des Angeklagten feststellte: Willy Roloff, geboren am 29. September 1909 in Schivelbein in Hinterpommern, Vater Bahnhofsvorsteher, drei Vorstrafen. Der Eröffnungsbeschluß [5] lautete auf Mord in vier Fällen.

Als der Vorsitzende zur Vernehmung des Angeklagten schritt, zeigte sich Roloff äußerst störrisch. Immer wieder verweigerte er die Auskunft, schaute gelangweilt im Saal umher, als ginge ihn das alles nichts an, als ginge es nicht um seinen Kopf! Fragen des Vorsitzenden beantwortete er meist mit Kopfnicken oder Kopfschütteln. Mahnungen, daß das Gericht laut der Prozeßordnung gegen diesen Mangel an Mitwirkung vorgehen könne, beeindruckten ihn nicht.

Das Gericht erfuhr dann, daß Roloff Sohn achtbarer Eltern war. Während seine Geschwister jedoch einen einwandfreien Lebenswandel führten, geriet er selbst schon früh auf die schiefe Bahn. Mit 13 beging er seinen ersten Einbruch. Auf seinen Lehrstellen bestahl er seine Mitlehrlinge und Lehrmeister, so daß seine Eltern ihn schließlich auf eine landwirtschaftliche Schule schickten. Zu Beginn der 1930er Jahre war er dann auf verschiedenen Gütern als sogenannter „Rentamtsgehilfe“[6] tätig, wobei er immer wieder gefälschte Zeugnisse vorlegte.

Der Vorsitzende kam auf den an dem Händler Worreschk begangenen Mord zu sprechen. Ob er die Tat begangen habe? Roloff nickte. Auch als er auf die Morde an den beiden landwirtschaftlichen Arbeitern angesprochen wurde, bestätigte er seine Schuld durch Kopfnicken. Der Richter kam nun auf die unbekannte Frau zu sprechen. Bei ihr sei doch nichts zu holen gewesen. Nun hüllte sich Roloff in tiefes Schweigen. Ob er zugebe, diese Frau umgebracht zu haben? Der Angeklagte nickte erneut.

Dann trat das Gericht in die Beweisaufnahme zu dem Raubmord an Worreschk ein. Als erste Zeugen wurden die Berliner Kriminalbeamten vernommen. Sie sagten übereinstimmend aus, daß die Vernehmungen des Mörders sehr schwierig gewesen sein. Meist habe er geschwiegen und nur gelegentlich Äußerungen getan. Dann aber habe er ein umfassendes Geständnis über den Mord an Worreschk abgelegt. Die Tat habe er mit der Mauserpistole seines Vaters verübt, die er ihm gestohlen hatte. Nachdem er auch die anderen drei Morde gestanden hatte, habe er gesagt: „Ich hatte auf meine Opfer geschossen, denn Schießen ist sicherer. Ein Schlag kann danebengehen.“

In der Nachmittagssitzung wurde Roloff ein wenig gesprächiger. Ja, er wolle sich jetzt zu dem Mord an dem Händler Worreschk äußern. Wann er den Plan zum Mord gefaßt habe, wollte der Vorsitzende sofort von ihm wissen.

Roloff: „Vielleicht habe ich diese Absicht schon in Markendorf gehabt, als ich ihn kennen lernte. Aber damals hat dieser Plan noch keine greifbare Gestalt gehabt.“

Vorsitzender: „Was wollten Sie denn tun?“

Roloff: „Ich wollte ihm eigentlich nur auf legalem Wege sein Geld abnehmen …“

Vorsitzender: „Auf legalem Wege? Meinten Sie damit einen Raub?“

Roloff nickte. Dann sagte er, er habe für die Ausführung des Verbrechens die Dunkelheit abgewartet und nach der Tat um die Leiche Kisten aufgetümt, um die Entdeckung zu verzögern.

Auch wenn Roloff in diesem Falle keine verläßliche Schilderung der Tat abgab, hatte sie sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft so zugetragen:

Auf die Tat an dem Landwirt Lüdke angesprochen, sagte Roloff, er habe ihn zunächst nur berauben wollen. Zu diesem Zwecke habe er ihm in Briesen Alkohol angeboten, um ihn betrunken zu machen. Doch weil Lüdke nicht darauf einging, schließlich wolle er ja nüchtern bei seiner neuen Arbeitgeberin erscheinen, habe er den Plan gefaßt, ihn zu ermorden und dann erst zu berauben. Und er schilderte die Tat: Nachdem er Lüdke am 4. Juni 1936 gegen 19 Uhr am Hauptbahnhof in Frankfurt a.d. Oder getroffen hatte, fuhr er mit ihm nach Briesen. Von dort gingen beide zu Fuß zum vermeintlichen Hof der Schwägerin, der nach Angaben Roloffs nur wenige Kilometer südlich von Briesen lag. Lüdke hatte seine beiden Koffer über sein Fahrrad gelegt und schob es durch den dichten Wald. Unweit des Gutes Angelenhof, auf dem Roloff damals beschäftigt war und dessen Umgebung er genauestens kannte, ließ er Lüdke auf dem schmalen Weg vorangehen. Dann schoß er ihm mit einer Pistole einmal in den Hinterkopf. Er schleifte den Toten vom Weg ab in ein Gebüsch und beraubte ihn seiner Geldbörse mit etwa 15 Mark, seiner Uhr und seiner Ringe. Das Fahrrad und die Koffer verbarg er in einer nahe gelegenen Feldscheune, holte sich einen Spaten und vergrub die Leiche. Dann begab er sich auf sein im Gutsgebäude gelegenes Zimmer.

Die Verhandlung wurde am frühen Abend vertagt.

Am nächsten Vormittag, dem zweiten Verhandlungstag, wurde zunächst der Mord an dem Wirtschafter Kochan erörtert. Roloff will ihn am 4. Dezember 1935 begangen haben. Roloff hatte seinerzeit auf ein Inserat des Opfers geantwortet, sich mit ihm in Frankfurt a.d. Oder verabredet, ihn auf das Gelände des Gutes Angelenhof gelockt und dort erschossen und beraubt. Die mit diesem Fall vertrauten Kriminalbeamten waren drei Wochen lang von dem Angeklagten in die Irre geleitet worden, weil dieser immer wieder behauptete, er habe den Toten ins Wasser geworfen.

Dem Geständnis Roloffs zufolge hatte sich die Tat folgendermaßen abgespielt:

Beide waren gegen 17 Uhr auf dem Frankfurter Bahnhof zusammengetroffen und dann mit der Bahn nach Briesen gefahren. Dort holte Roloff zunächst sein Fahrrad, das er dort untergestellt hatte, ab und ging mit dem ahnungslosen Wirtschafter in Richtung auf das Gut Angelenhof. Es war bereits stockfinster. Etwa einen Kilometer vor dem Gut bat er Kochan, er möge immer dem Weg folgen. Er selbst fuhr unter einem Vorwand mit dem Fahrrad voraus. Während Kochan tat, wie ihm geheißen, legte sich Roloff in einer Scheune einen Hammer zurecht und ging nun zu einer Weggabelung, wo er wieder mit seinem Opfer zusammentraf. Dann führte er es unter dem Hinweis, es sei nun nicht mehr weit, zu der Nähe der Scheune, ergriff den Hammer und versetzte ihm damit mehrere Schläge auf den Kopf. Anscheinend war Kochan auf der Stelle tot. Der Mörder durchsuchte ihn, fand zu seiner großen Enttäuschung aber nur zwölf Mark. Sein eigenes Lockschreiben, das Kochan mitgenommen hatte, sowie die Ausweispapiere übersah er allerdings. Er verscharrte die Leiche an der Stelle auf dem Gutsgelände, wo sie über ein Jahr später gefunden wurde.

Als der Vorsitzende den Angeklagten fragte, ob er den Mord an Kochan zugebe, schwieg er zunächst. Dann stammelte er kaum hörbar: „Die Tat an Kochan war ein Irrtum.“ Er habe bei dem Opfer eine Kaution von 1000 Mark vermutet. Dies hatte sich als Irrtum erwiesen, denn er habe nur etwa 40 Mark bei sich gehabt. Er mußte ihn mit einem anderen potentiellen Opfer, das er angeschrieben hatte, verwechselt haben!

Vorsitzender: „Warum haben Sie eigentlich die Kriminalpolizei so lange irregeführt, um die Aufführung der Leiche Kochans zu verhindern?“

Angeklagter: „Ich hatte Angst. Wenn man Knochen finden würde, wußte ich, daß man sagt, das war unmenschlich!“ Er habe außerdem Angst vor der Leiche gehabt, denn der „Anblick sei unmenschlich“. Überhaupt sei „alles so unmenschlich!“

Vorsitzender: „Diese Erkenntnis kommt reichlich spät.“ [7]

Als man auf den Mord an der unbekannten polnischen Schnittersfrau auf dem mecklenburgischen Gut Remlin erörterte, kam es zu einer Überraschung. Ein Kriminalbeamter sagte aus, nachdem Roloff immer wieder beteuert hatte, den Namen der Frau nicht zu kennen, habe er wenige Tage vor dem Prozeß erklärt, bei der Toten handele es sich um die Ehefrau des polnischen Schnitters Kowalski. Er habe sie eines Tages im Juni 1931 zum Geschlechtsverkehr aufgefordert. Da sie ihm nicht zu Willen gewesen sei, habe er sie erschlagen. Dann habe er auch gestanden, den Ehemann ermordet zu haben, weil dieser sich immer wieder bei ihm nach dem Verbleib seiner Frau erkundigt habe. Einzelheiten wollte Roloff aber nicht preisgeben.

Vorsitzender: „Und was ist nun aus dem Ehemann Kowalski geworden? Haben Sie ihn auch ermordet?“

Roloff sah zu Boden und schwieg. Er schwieg auch, als die nächsten 19 Zeugen vernommen wurden.

Eine Angestellte der Gastwirtschaft in Markendorf gab an, der Händler Worreschk und Roloff hätten sich im Gastraum kennen gelernt. Dabei müsse der Angeklagte erfahren haben, daß der Händler einen größeren Geldbetrag mit sich führe, und sich mit ihm verabredet, um die Tat auszuführen.

Der dritte Verhandlungstag begann mit der Anhörung der beiden Verlobten des Angeklagten. Beide hatte er ebenfalls durch ein Inserat kennen gelernt und ihnen vorgeschwindelt, er werde demnächst einen großen Erbhof seines Onkels bei Angermünde übernehmen. In der Zwischenzeit aber ließ er sich von beiden aushalten. Da sie ihn für einen Heiratsschwindler hielten, brachen sie schon bald mit ihm. Die eine hatte sich von ihm getrennt, als er ohne ihr Wissen eine Verlobungsanzeige in der Zeitung aufgegeben hatte. Als er dann zum Militärdienst eingezogen wurde, sei er desertiert und habe sie wieder aufgesucht. Sie habe aber die vorgesetzte Dienststelle unterrichtet. Bevor Roloff verhaftet werden konnte, tauchte er unter und drohte der jungen Frau mit Erschießung. Tatsächlich habe er in der Nähe ihrer elterlichen Wohnung mit einer Schusswaffe in der Hand hinter einem Baum gestanden, sei aber geflüchtet, als die Polizei gerufen wurde.

Die gramgebeugte Mutter des ermordeten Lüdke wurde sodann vernommen. Sie habe ihren Sohn vor der Fahrt extra mit neuer Kleidung ausgestattet, damit er bei seiner neuen Stelle einen guten Eindruck mache. Lüdke sei bester Stimmung gewesen, als er sie verließ, und habe sich auf die neue Stellung so sehr gefreut und sei mit großen Hoffnungen weggegangen. Als er nichts mehr von sich hören ließ, habe sie gleich gedacht, ihm sei etwas zugestoßen, denn er habe sonst immer aus der Fremde geschrieben. Sie habe dann eine Vermisstenanzeige aufgegeben.

Kaum hatte die noch immer unter dem Verlust des Sohnes leidende 63jährige Frau den Zeugenstand verlassen, ließ der Angeklagte über seinen Rechtsanwalt erklären, er wolle nun die Wahrheit über den Mord an der polnischen Schnitterin sagen. Zugleich verlange er den Ausschluß der Öffentlichkeit.

Das Gericht gab seinem Verlangen statt und ließ den Zuhörerraum räumen. Dann schilderte der Angeklagte, wie es zu dem Mord gekommen sei. Am 16. Juli 1931, da sei er gerade 21 Jahre alt und Gutssekretär auf Remlin bei Gnoien gewesen, habe ihn eine junge polnische Frau auf dem Gut aufgesucht, weil sie ein Nachtlager brauchte. Da sie sehr hübsch war und ihm gefiel, habe er ihr eine leerstehende Scheune nahe dem Gutshof angeboten und sie hineingeführt. Dort habe sie sich ihr Nachtlager zurechtgemacht. Dann sei er wieder weggegangen. Kurz vor Mitternacht sei er wieder in die Scheune gegangen, habe sich zu der Frau gesetzt und sich ihr unsittlich genähert. Die Frau aber habe ihn abgewiesen. Da habe er versucht, sie zu vergewaltigen, sei aber auf heftigen Widerstand gestoßen, und sie habe laut geschrieen. Aus Furcht, dies könne auf dem Gutshof gehört werden, habe er von ihr abgelassen, sei auf sein Zimmer gegangen und habe gegrübelt, was zu tun sei. Schließlich habe die Furcht vor einer Anzeige und einer schweren Bestrafung überwogen, auch die Furcht, seine Stellung zu verlieren. In der Nacht habe er sich mit einem Wagenschwengel bewaffnet, sei damit in die Scheune geschlichen und habe der schlafenden Frau drei oder vier wuchtige Schläge auf den Kopf versetzt. Sie sei sofort tot gewesen. Dann habe er die Scheune wieder verschlossen und sie in den nächsten Wochen in panischer Furcht gemieden. Schließlich habe der Gutsbesitzer sie wieder benutzen wollen. So sei er doch wieder an den Tatort zurückgekehrt und habe die in der Sommerhitze bereits verweste Leiche im Scheunenboden verscharrt. Später habe er erfahren, daß der Name der Frau Kowalski gewesen sei, weil er nämlich in den Besitz ihrer Papiere gelangt sei. Wie, wollte er nicht preisgeben.

Und was hat er mit dem Ehemann des Opfers getan?, wollte der Vorsitzende erneut wissen. Da schwieg Roloff wieder, so daß das Gericht zu der Überzeugung kam, der Mann sei gar nicht ermordet worden. Es war auch kein Schnitter Kowalski als vermißt gemeldet.

Der vierte Verhandlungstag am 8. Juli sah die Beendigung der Beweisaufnahme. Es wurden die anderen Landwirte vernommen, die sich auf Roloffs Inserate hin gemeldet hatten. Einem war abgesagt worden, weil sich der Inserent bereits für Albert Lüdke entschieden hatte. Einen anderen ließ er unbehelligt, weil der kaum Geld bei sich hatte und auf diesbezügliche Fragen des Unbekannten mißtrauisch geworden war.

Der Gutsbesitzer von Remlin wurde ebenfalls vernommen. Er erklärte, seine Frau habe den Roloff nie leiden mögen, weil er solch einen unehrlichen Blick habe! Im übrigen halte er die Darstellung des Mordes an der Polin für glaubwürdig, weil die Scheune wochenlang nicht benutzt wurde. Roloff sei übrigens noch im selben Jahr entlassen worden, weil er bei der Lohnzahlung Landarbeiter betrogen hatte. Ja, ein Ehepaar Kowalski mit einem Kind sei in Remlin bekannt gewesen, wie ein Gendarmeriebeamter schon vorher bestätigt habe. Auch sei einmal auf dem Gut Gepäck von polnischen Landarbeitern zurückgelassen worden. Der oder die Eigentümer hatten sich dann nicht mehr gemeldet …

Es folgte die stundenlange Anhörung der Sachverständigen. Der medizinische Sachverständige Dr. Weimann aus Berlin hatte seinerzeit die Leichen von Lüdke und Woreschk obduziert. Er sagte dem Gericht, die Art und Weise, wie Roloff ihnen ins Genick geschossen habe, erinnere ihn stark an „bolschewistische Hinrichtungsmethoden“ …

Einer der Berliner Kriminalkommissare zeichnete anhand von Kartenskizzen den verbrecherischen Weg Roloffs nach. Etwa 45 Straftaten gingen auf sein Konto, darunter auch Einbruchdiebstähle, Diebstähle, zahlreiche Betrügereien und das Notzuchtverbrechen an einem minderjährigen Mädchen. Andere Kriminalbeamte schilderten, wie schwierig es gewesen sei, von Roloff ein glaubwürdiges Geständnis zu erlangen. Immer wieder habe er ihnen eine andere Version der jeweiligen Mordtat gegeben. Auch sonst habe er allerlei Unsinn von sich gegeben, nur um die Ermittlungen zu erschweren und zu hinauszuzögern. So habe er erzählt, daß er eines Tages am Waldesrand gesessen habe, als ein Eichhörnchen vorbeigehuscht und in einer Baumhöhlung verschwunden sei. Neugierig habe er in die Höhlung gefaßt und … zwei mit Gold gefüllte Beutel gefunden! Diese habe er an sich genommen und sie in Frankfurt verkauft. Ein anderes mal gestand er, ein junges Mädchen erschlagen zu haben, das von ihm ein Kind erwartete. Auch dies erwies sich später als gelogen.

Der Leiter des Instituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin, Prof. Dr. Müller-Heß, hatte Roloff eingehend untersucht. Er sei der Typ eines haltlosen Psychopathen, was aber bei ihm keineswegs eine Krankheit bedeute, sondern eher eine Charaktereigenschaft. Roloff sei überdurchschnittlich intelligent, aber völlig hemmungslos. Er sei ein „universeller Krimineller“.

Der Anklagevertreter, Staatsanwaltschaftsrat Gürtler aus Prenzlau, hob in seinem Plädoyer hervor, daß der Angeklagte eine „Bestie in Menschengestalt“ sei. „Der Fall wird in die Kriminalgeschichte eingehen als ein einzigartiger Fall. Einzigartig nicht wegen der Fülle der Fälle der Morde, die er begangen hat, denn andere Mörder, wie beispielsweise Haarmann, Kürten und Seefeld, haben bedeutend mehr Menschen getötet als Roloff. Einzigartig ist der Fall Roloff aber durch seine Motive, einzigartig durch die hinterhältige Feigheit, die der Angeklagte bei sämtlichen Morden bewiesen hat […]“ Es stehe zweifelsfrei fest, daß Roloff vier Menschen vorsätzlich und mit Überlegung getötet hat. „Der Angeklagte hat sich durch seine Taten selbst den Platz in der Volksgemeinschaft verscherzt und ist daher aus ihr auszumerzen.“  [8]

Er beantragte wegen Mordes in vier Fällen die Todesstrafe und den lebenslangen Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.

Der Verteidiger konnte dem nichts entgegensetzen. Sein Plädoyer dauerte lediglich wenige Minuten.

Als letzter erhielt der Angeklagte selbst das Wort. Doch er zog es vor zu schweigen. Auch dann, als der Vorsitzende ihn eindringlich ermahnte: „Wollen Sie denn in diesem entscheidenden Augenblick Ihres Lebens gar nichts mehr sagen?“ Dennoch wartete das Gericht mehrere Minuten, in der Hoffnung, Roloff werde seine Gedanken sammeln und doch noch etwas sagen. Vergeblich. Daraufhin erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen und beraumte die Urteilsverkündigung für Freitagvormittag an.

Am Morgen dieses 10. Juli 1937 nahm das Gericht die Beratungen auf. Sie waren gegen 10 Uhr beendet. Um 10.30 Uhr betrat es den bis zum letzten Platz gefüllten Saal. Sämtliche Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen und warteten auf die Verkündigung des Urteils. Da durchdrang die Stimme des Rechtsanwalts die atemlose Stille. Sein Mandant habe ihn gebeten, noch einmal Gelegenheit zu erhalten, einige Worte zu sprechen. Der Vorsitzende bedeutete ihm, es sei zwar nicht üblich, im Stadium der Verurteilung dem Angeklagten nochmals das Wort zu erteilen, doch mache er hier eine Ausnahme.

Roloff erhob sich und erklärte mit fester, doch mitunter stockender Stimme:

„Ich möchte ausdrücklich feststellen, daß ich meine Straftaten bereue. Es läßt sich dadurch aber nichts mehr ändern. Ich weiß, daß mir eine schwere Strafe bevorsteht, möchte aber nicht, daß man in der Öffentlichkeit denkt, daß ich gar keinen guten Kern in mir habe. Ich möchte, wenn das Urteil ergangen ist, so dastehen, daß ich mir nichts mehr vorzuwerfen habe.“ Und er bitte darum, daß auch die „anderen Dinge“ aufgeklärt würden, damit er endlich zur Ruhe käme. Er halte das, was er in „diesem Termin“ gesagt habe, aufrecht und hoffe, daß alles später noch geklärt werden möge. „Trotz meiner schlechten Handlungsweise möchte ich in dieser Stunde das Bekenntnis ablegen, daß von mir alles restlos gesagt ist.“

Er schien zu ahnen, daß sein Kopf verloren war.

Der Vorsitzende fragte ihn darauf: „Meinen Sie mit dem, was Sie im Termin gesagt haben, den Mann Kowalski?“

Roloff: „Jawohl, das gehört auch mit dazu. Ich weiß, was für eine Strafe ich bekomme und ich habe sie auch verdient.“ [9]

Darauf wurden Staatsanwalt und Verteidiger nochmals gefragt, ob sie bei ihren Anträgen blieben. Beide bejahten. Darauf zog sich das Gericht zu einer nochmaligen Beratung zurück. Sie dauerte nur wenige Minuten. Erneut betrat das Gericht den Saal. Landgerichtsdirektor Riethe verkündete das Urteil:

„Der Angeklagte wird wegen Mordes in vier Fällen, außerdem in drei Fällen in Tateinheit mit schwerem Raub, viermal zum Tode verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm auf Lebenszeit aberkannt. Die Kosten des Verfahrens hat der Angeklagte zu tragen.“

Die Urteilsbegründung währte zwei Stunden. Der Vorsitzende beschränkte sich im Wesentlichen darauf, die durch die Beweisaufnahme sich ergebenden Tatsachen aneinanderzureihen. Mit Ausnahme des Mordes an der polnischen Schnitterin seien die drei anderen reine Raubmorde gewesen. Es sei dem Angeklagten nur darauf angekommen, Geld zu bekommen. Seine Taten seien von einer hemmungslosen Geldgier getragen gewesen. Roloff habe ein Doppelleben geführt. Einerseits sei er jahrelang ein tüchtiger Gutswirtschafter gewesen, andererseits ist er seinen verbrecherischen Neigungen nachgegangen.Er betonte die außerordentliche Roheit und Brutalität, für die es nur eine Strafe gebe: die Todesstrafe.

Ruhig und mit zu Boden gerichtetem Blick hatte Roloff das Urteil vernommen. Und ruhig ließ sich der 27jährige ins Untersuchungsgefängnis abführen. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Noch am Nachmittag wurde er nach Berlin gebracht, wo ihm im Strafgefängnis Plötzensee eine Todeszelle zugewiesen wurde.

Die Belohnung in Höhe von 1000 Mark teilten sich übrigens die Besitzerin des Angelenhofes, die nach der im Rundfunk gegebenen Personenbeschreibung ihren ehemaligen Gutswirtschafter erkannt hatte, und die Konditoreiverkäuferin, die in Eberswalde die Polizei benachrichtigt hatte.

Roloffs Berufung an das Leipziger Reichsgericht war erfolglos. Sein Gnadengesuch an Hitler wurde gleichfalls zurückgewiesen, das Urteil damit vollstreckbar.

Im Morgengrauen des 24. September 1937, einem Freitag, wurde der Mann, der vier Menschen ermordet und drei von ihnen beraubt hatte, im Richtraum des Strafgefängnisses Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet. Als Scharfrichter fungierte diesmal Ernst Reindel aus Gommern, der die Nachfolge des Magdeburgers Carl Gröpler angetreten hatte. Roloff sollte als einer der schlimmsten Mörder der brandenburgischen Kriminalgeschichte eingehen.

 

1940 im KZ Belzig"; vom „17.07.1940 bis 31.07.1940 in einem Arbeitslager in einer Mühle bei Belzig", vom „01.08.1940 bis MS 15.02. ... März 1941 musste er sich wegen Diebstahls in zwei Fällen vor dem Amtsgericht Mainz verantworten

 


 

[1] Nothwendiger Verkauf.

  von Watzdorfsches Patrimonialgericht über Wiesenburg, den 12. Januar 1843.

  Das der verwittweten Schmeckebier, Christiane gebornen Schwarze gehörige, zu Wiesenburg belegene und  Vol. II Nr. 69 Fol. 484 des Hypothekenbuchs verzeichnete Büdnergut, taxirt auf 230   Thlr., soll an Gerichtsstelle zu Wiesenburg  am 3. Mai 1843, Vormittags 10 Uhr, subhastirt werden. Taxe und

  Hypothekenschein sind in unserer Registratur einzusehen.

 

[2]  Sie war mit Carl Adolph Aulich * 21.06.1811, Sohn des Brücker Mühlenbesitzers Johann August Aulich und  der Karoline geb. Fratzsche, seit dem 15.12.1842 verheiratet.

 

    Kinder:

    1) Emilie Auguste * 21.01.1844,

    2) Friedrich August * 07.11.1845

    3) Bertha Emilie * 23.07.1844, + 13.08.1844.

  

    Carl Adolph Aulich war in erster Ehe mit Henriette Louise Petzer (+ 08.11.1842, 35 J. 8 M. 24. T.) verheiratet. Nach Aulichs Tod, 02.04.1847, heiratete Henriette Friederike Sophie Auguste Aulich     geb. Willmann (Tochter des Schulze und Erbkrüger Friedrich August Willmann in Klaistow und der Sophie Friederike Petzer) den  Müllerburschen Carl Gustav Solle (* 22.08.1825 in Lehnin, Sohn     des Böttchermeisters  Friedrich Solle und der  Charlotte Böttcher) am 04.01.1848 in Canin.

 

[3] Bad Freienwalde, nachweislich ältester Kurort der Mark Brandenburg, lag im Osten der Provinz Brandenburg an der Alten Oder, an der Grenze zwischen Mittel- und Neumark, und zählte 1936         etwa 11.000 Einwohner. 1683 waren dort Heilquellen entdeckt worden. Seitdem „kurten“ dort überwiegend reiche Berliner.

[4] Trägt heute den Namen Oderaue-Neureetz.

[5] Der schriftliche Beschluß zur Eröffnung des Hauptverfahrens.

[6] Das Rentamt war eine Behörde zur Verwaltung der grundherrschaftlichen Einnahmen, z.B. auf einem Gut.

[7] Berliner Volkszeitung, 6. Juli 1937 Abendausgabe.

[8]Berliner Volkszeitung, 9. Juli 1937 Morgenausgabe.

[9] Berliner Lokal-Anzeiger, 10. Juli 1937, Abendausgabe.